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Bordüre

T uchscherer protestieren in Eupen und Aachen

Die ersten Maschinenstürme in deutschen Ländern begangen die Tuchscherer 1821 in Eupen und 1830 in Aachen. Obwohl sie unterschiedliche Grundbedingungen hatten, wehrten sich beide Gruppen gegen die Auflösung der alten Strukturen. Neben dem direkten Angriff gegen die Maschinen kam es auch zu Gefangenenbefreiungen.


Zahnrad

Eupen war im Jahr 1821 noch vor allem durch Heimgewerbetreibende geprägt, die im Verlagswesen arbeiteten. Im Aachener Raum existierte dagegen bereits neun Jahre später, um 1830, ein geschlossenes Fabrikensystem. Aachen stand in diesem Punkt mit an der Spitze der deutschen Entwicklung. Allerdings vollzog sich dieser Wandel nicht spontan: Während einer Absatzkrise sorgte der Konkurrenzdruck für zusätzliche Investitionen. Ab 1821 wurde die Entwicklung allerdings verlangsamt. Die schleppendere Industrialisierung, die anhaltende Übergangsphase löste allerdings eine Art Schwebezustand aus, bei dem die sich auflösende Gewerbestruktur nicht mehr trug, die neue Struktur aber noch nicht ausreichte. Eine Missernte im Jahr 1830 tat ihr übriges, um die soziale Lage in Aachen weiter anzuspannen.

Tuchscherer setzten sich zur Wehr

In Eupen kam es 1821 zum ersten Maschinensturm in den deutschen Ländern. Er ging von Tuchscherern aus, die im Heimgewerbe arbeiteten. Auf diese Weise versuchten sie sich dagegen zur Wehr zu setzen, dass der Fabrikant Stolle eine Schermaschine angeschafft hatte. Sie befürchteten, dass sie diese neue Maschine brotlos machen würde.

Auch in Aachen ging der Konflikt vor allem von den dortigen Tuchscherern aus. Am Anfang kam es zwar nur zu verbalen Attacken, weil ein Fabrikant den Lohn seiner Arbeiter zur Strafe für schlechte Arbeit minderte. Später entwickelte sich jedoch ein Fabrikenprotest, dem ein anderer Aachener Fabrikant zum Opfer fiel. In einer dritten Phase wurde versucht, Gefangene zu befreien. Hier besteht kein direkter Bezug mehr zum Fabrikenprotest, denn anders als in Eupen, Iserlohn, Schlesien und Böhmen, wurde in Aachen nicht nur versucht, während des Konflikts Inhaftierte zu befreien, sondern alle Gefangenen.

Disziplin trotz fehlender Führer

Tatsächlich nahmen aber in Eupen und Aachen nur wenige aktive Protestierende. Dagegen nahmen viele passiv am Geschehen teil. Eine Quelle spricht beim Aachener Fabrikenprotest von nicht mehr als 80 bis 100 aktiv Beteiligten, aber von etwa 4000 Menschen insgesamt. In der dritten Phase der Aachener Unruhen, die versuchte Gefangenenbefreiung, wandelte sich die Trägergruppe. Die Liste der Verurteilten beweist: 43 Prozent arbeiteten im Textilgewerbe, 23 Prozent waren Handwerker und 33 Prozent Tagelöhner.

In der Regel musste Solidarität unter den deutschen Protestierenden erst zu Beginn der Unruhen geschaffen werden. Diese Solidarität wurde durch Kommunikationsstrukturen geprägt, die sich meist in der Anfangsphase des Protests bildeten und über den gesamten Protestverlauf hinweg die Zielrichtung der Protestierenden bestimmte. Diese Kommunikationsstrukturen entstanden vor allem durch Treffen auf Wiesen und in Wäldern. Hier wurden Beschlüsse gefasst, die dann sehr kontrolliert umgesetzt wurden. Auf diese Weise entstand auch in einer zuvor nicht organisierten Gruppe eine derart große Disziplin, dass die Ordnungsmächte einen Rädelsführer dahinter vermuteten. Tatsächlich spielten Protestführer während der Unruhen meist keine große Rolle. Eher lässt sich von einer "Autorität des Augenblicks" sprechen. (bik)


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Erstellt am 10.01.2001

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