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Bordüre

D as Ende des Roten Wien

Das austromarxitische Experiment wurde 1934 blutig von den österreichischen Rechten beendet. Bereits seit 1927 verschlechterte sich die Position der SDAP in der Alpenrepublik immer mehr, die Feinde des Austromarxismus gewannen an Macht und Einfluss, während sich die eigene Anhängerschaft zusehends von der Partei enttäuscht abwandte. Nachdem Bundestruppen die Gruppen der Wiener Arbeiter geschlagen hatten, versuchte die rechte Regierung, die Fortschritte des Roten Wiens wieder zurück zu schrauben.


Im Februar 1934 wurde das "Experiment Rotes Wien" blutig beendet. Um zu verstehen, wie es dazu kam, ist es notwendig, sich die Bundespolitik anzuschauen, da diese die kommunale Tätigkeit des Roten Wiens beeinträchtigte und schließlich beendete.

Die SDAP war nach 1920 in ganz Österreich in der Opposition und befand sich in einer schwierigen Lage. Die bürgerlichen Christsozialen prägten die konservative Meinung. Gleichzeitig wurde der Austrofaschismus immer stärker. Diese spezielle Spielart des Faschismus wurde geprägt von einem autoritär-konservativen politischen Katholizismus und ständestaatlichen Ideen. Hinzu kam die an Mussolinis Italien orientierte Heimwehr. Sie hatte zunächst die Grenzsicherung übernommen, doch im Laufe der Republik trat sie zusehends militanter gegen die Demokratie im Land auf. Und auch die deutschen Nationalsozialisten waren seit 1923 in Österreich vertreten. Auf der sozialdemokratischen Seite radikalisierte sich der republikanische Schutzbund, um die Demokratie und das Rote Wien gegen Rechts zu verteidigen.

Jännerstreik 1927

Die politische Wende begann 1927: Im Januar hatten Angehörige der rechtsgerichteten "Frontkämpfer" in Schattendorf einen sozialdemokratischen Kriegsinvaliden und ein Kind erschossen. Bei der Gerichtsverhandlung am 14. Juli wurden die Angeklagten jedoch freigesprochen. Daraufhin kam es zu einer großen spontanen Arbeiterdemonstration in Wien gegen die "arbeiterfeindliche bürgerliche Klassenjustiz", in deren Verlauf der Justizpalast in Brand gesteckt wurde. 85 Arbeiter wurden von der Polizei erschossen, was dem Polizeipräsidenten den Ruf eines "Arbeitermörders" brachte. Die SDAP versuchte vergeblich, die Massen zu beruhigen. Sie rief zu einem 24-stündigen Generalstreik und einem unbefristeten Verkehrsarbeiterstreik auf, der allerdings nach zwei Tagen abgebrochen wurde.

Das Verhalten der SDAP führte dazu, dass viele Arbeiter und Arbeiterinnen sich von der Partei distanzierten, sie erschien ihnen unglaubwürdig. Da es aber keine Alternative gab - die KPÖ hatte während der ersten Republik nie wirklich stark werden können - blieben die Wähler der Partei treu: Bei den letzten Gemeindewahlen der ersten Republik 1932, konnte die SDAP ihren Anteil von 65 Prozent auf 66 Prozent steigern, während die Christsozialen ihre Stimmen halbierten. Erstmals kam in diesem Jahr auch die NSDAP mit 15 Prozent in den Wiener Gemeinderat.

Bundesregierung versus Kommunalverwaltung

Für die bürgerlich-klerikalen Rechten waren die Ereignisse von 1927 gleichzeitig ein Signal, dass die SDAP ihre Basis nicht zum Kampf gegen Rechts mobilisieren wollte. Sie war also zu schlagen. Danach wurde die christlichsoziale Opposition im Wiener Gemeinderat systematisch von der bürgerlichen Bundesregierung unterstützt. Die Weltwirtschaftskrise, die das im- und exportabhängige Österreich besonders traf, trieb weite Kreise der Mittelschicht zur rechten Heimwehr.

Die SDAP dagegen entwickelte auch in den Folgejahren keine offensive Strategie gegen den wachsenden Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Stattdessen nahm sie alle Angriffe auf ihre Positionen in Staat und Wirtschaft tatenlos hin - und das, obwohl Parteibasis und Republikanischer Schutzbund zum Kampf bereit waren. Die Partei entwickelte stattdessen eine Theorie der "Pause" und formulierte immer defensivere Minimalforderungen, um die Republik zu erhalten. Der "Mythos der Unbesiegbarkeit" durch die starken Arbeiterorganisation verharmloste die reale Gefahr, die dem Roten Wien und der Demokratie in Österreich drohte.

Februarkämpfe

1932 wurde der Republikanische Schutzbund verboten. Die Polizei führte in Arbeiterheimen regelmäßig Waffenrazzien durch. Währenddessen häuften sich die Anschläge der Heimwehr und der Nazis, geduldet von der seit 1932 amtierenden austrofaschistischen Regierung Dollfuß. Als am 12. Februar 1934 bei einer regulären Razzia in einem Linzer Arbeiterheim ein bewaffneter Schutzbundfunktionär Widerstand leistete und schoss, entbrannte innerhalb kürzester Zeit ein Bürgerkrieg, der neben den österreichischen Industriezentren vor allem Wien erfasste. Ein Generalstreik im Elektrizitätswerk und allen anderen Fabriken legte das Leben der Stadt lahm.

Polizei und Militär riegelte die Innenstadt an und ging gegen Arbeiterheime und Gemeindebauten vor. Die Arbeiter versuchten verzweifelt, den Karl-Marx-Hof und andere Errungenschaften des Roten Wien gegen die Artillerie der Regierung zu verteidigen. Doch der Kampf war ungenügend organisiert. Einzelne Kampfgruppen waren völlig abgeschnitten von Informationen und Nachschub. Technisch waren sie den Bundestruppen unterlegen. Außerdem war die Arbeiterschaft zu geschwächt und resigniert durch die fehlende Unterstützung durch ihre Partei. Der Kampf war zum Scheitern verurteilt. So wurde der Februar-Aufstand blutig niedergeworfen. Der Austrofaschismus konnte sich nun auch in Wien endgültig durchsetzen, bis er 1938 durch den Nationalsozialismus Hitlers abgelöst wurde.

Nach dem Ende

Damit endete auch die sozialdemokratische Kommunalpolitik in Wien. Ein rechter Bundeskommisär zog in das vormals rote Rathaus ein und ernannte Mitglieder der verschiedenen Stände in eine Bürgerschaft. Wien verlor seine Autonomie und wurde bundesunmittelbare Stadt. Der Karl-Marx-Hof wurde umbenannt in Heiligenstädter Hof und engagierten Sozialdemokraten gekündigt. Neue, den Machthabern treue Mieter wurden eingewiesen und die Mieten um 20 Prozent erhöht. Eine Kapelle im Innenhof setzte ein deutliches Signal der katholischen Kirche.

Als die SDAP nach dem Februar-Aufstand verboten und alle sozialdemokratischen Organisationen aufgelöst wurden, zogen sich etliche Arbeiter und Arbeiterinnen ins Private zurück. Doch einige tausend, vor allem junge Sozialdemokraten gingen in den Untergrund. Diese Bewegung spaltete sich in die Gruppe der Revolutionären Sozialisten, von denen viele zu den Kommunisten überliefen, und in die der gemäßigteren Sozialdemokraten, die durchhielten und die Zeit nach dem Ende des Nationalsozialismus vorbereiteten. (bik)


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Erstellt am 10.08.2000

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