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Bordüre

K ommunale Aufgaben des Roten Wien

Die rote Kommunalverwaltung stand vor großen Problemen. Vor allem die Wohn- und Versorgungssituation der Arbeiter musste schnellstmöglich verbessert werden. Daneben hatten sich die Austromarxisten die Gesundheitsfürsorge und die Bildung auf ihre fahnen geschrieben.


Der sozialdemokratische Gemeinderat hatte von Anfang an schwerwiegende Probleme zu lösen. Voraussetzung für eine aktive eigenständige Politik der Gemeinde Wien war jedoch die Ablösung der Stadt vom umgebenden Niederösterreich. Niederösterreich fürchtete eine sozialdemokratische Mehrheit im gemeinsamen Landtag. Daher war das Land mit der Autonomie durchaus einverstanden. So wurde Wien ab dem 1. Januar 1922 selbstständiges Bundesland mit Finanzhoheit und gesetzgebender Kompetenz.

Als erste Maßnahme der Sozialdemokraten musste die Lebensmittelversorgung der Stadt sichergestellt werden. Dies gelang nach nur wenigen Monaten mit Hilfe der weitvernetzten sozialdemokratischen Konsum-Vereine, die bereits im Krieg gegründet worden waren.

Außerdem musste die Lebenssituation der Arbeiter durch eine aktive städtische Sozial- und Gesundheitspolitik verbessert werden. Gas, Strom und Müllabfuhr, seit Ende des 19. Jahrhunderts bereits von kommunalen Betrieben besorgt, gab es für alle Wiener sehr günstig. Nun waren 35 Liter Wasser pro Kopf und Tag sogar kostenlos.

Von der Wiege bis zur Bahre

Ebenfalls kostenlos bekam jeder Säugling ein Wäschepaket, damit "kein sozialdemokratisches Baby mehr in Zeitungspapier gewickelt werden muss", so die damalige Werbung. Kindergärten und Horte sollten Müttern die Berufstätigkeit erleichtern, Kinder und Jugendlichen nicht auf der Straße verwahrlosen. Julius Tandler, der das Fürsorgeamt betreute, hatte die gesamtgesellschaftliche Dimension verstanden:

    "Was wir für die Jugendhorte ausgeben, werden wir an Gefängnissen ersparen. Was wir für Schwangeren- und Säuglingsfürsorge verwenden, ersparen wir an Anstalten für Geisteskranke."

Medizinische Betreuung und Pflege von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter war kostenlos. Vorsorgemaßnahmen wie Beratungen, Kuren, Landverschickungen in Ferienkolonien, öffentliche Bäder und Sporteinrichtungen rundeten das Angebot ab.

Die Ausgaben für Fürsorge und Gesundheit nahmen je 20 Prozent des Verwaltungsbudgets der Stadt ein. Damit waren die Sozialausgaben dreimal so hoch wie vor dem Krieg. Die Erfolge wurden allerdings schnell sichtbar: Die Säuglingssterblichkeit sank bald weit unter den österreichischen Durchschnitt, Tuberkulose konnte um 50 Prozent reduziert werden.

Acht-Stunden-Tag und Freizeitgestaltung

Nur sieben Tage nach der Proklamation der Republik wurde der Acht-Stunden-Tag gesetzlich festgeschrieben. Ein städtisches Arbeitsamt kümmerte sich um die Arbeitslosen, und die provisorische staatliche Arbeitslosenunterstützung wurde von einer ständigen Arbeitslosenversicherung abgelöst.

Ein weiterer wichtiger Bereich war die Bildungs- und Kulturarbeit. Die Erziehung war in der Monarchie zur Drill-Instanz verkommen. Bildung war allerdings Bundesangelegenheit. Dadurch hatte die Gemeinde Wien nur eingeschränkte Kompetenzen. Trotzdem startete Wien Versuche zur Schulreform: Statt der einengenden Lernschule wurde eine "freie und frohe Arbeitsschule" geschaffen, eine Art Gesamtschule für zehn- bis 14-jährige Kinder. Der Schulbesuch war kostenlos, Lerninhalte sollten von den Schülern demokratisch mitbestimmt werden, Dialekte wurden in den Unterricht einbezogen. Stipendien für arme Kinder und Studierende brachen das Bildungsmonopol der bürgerlichen Schichten auf. Die Stadt musste zwar einige Kompromisse eingehen, doch in der Frage des Religionsunterrichts blieben die Sozialdemokraten hart: Staat und Kirche wurden strikt getrennt.

Volks-Bildung

In Volkshochschulen, Arbeiterbibliotheken, Betriebsschulungen und kulturelle Veranstaltungen wurde besonders die Erwachsenenbildung beachtet. Neben der Vertiefung der Elementarbildung sollten auch, wie es Barbara Schleicher und Helmut P. Fielhauer formulierten,

    "praktische Alltagserfahrungen aus dem Produktionsbereich in theoretische Erkenntnisse über komplexe kapitalistische Zusammenhänge und Klassengegensätze"

umgeformt werden.

Kinder und Erwachsene sollten zur Demokratie und damit zum Sozialismus erzogen werden. Das Ziel des Austromarxismus war die Schaffung des "neuen Menschen". Er sollte fähig sein, den Sozialismus zu verwirklichen. Diese Vision vom "neuen Menschen" sollte nach Max Adler das Endprodukt eines Prozesses der "Humanisierung und Kultivierung, ja sogar der Moralisierung der Gesellschaft selbst" sein.

Die Freizeit wurde ebenfalls von den Sozialdemokraten geformt. Vor allem in Wien mit der größten Bevölkerungsdichte und dem größten Arbeiteranteil Österreichs gab es bereits vor dem Weltkrieg ein dichtes kulturelles Netz der Arbeiterbewegung. Nun wurde es weiter ausgebaut: Am Ende der Republik gab es allein in Wien etwa 50 verschiedene Vereine für alle Interessen mit einem regen Kulturleben.

Um diesen kulturellen Bereich kümmerte sich vor allem die Partei. Die Gemeindeverwaltung beschränkte sich auf den Bereich der Fürsorge und der Wohnraumpolitik - auch aus finanziellen Gründen. (bik)


weiter zur Wohnraumpolitik im Roten Wien

 

Erstellt am 10.08.2000

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