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Bordüre

G renzkontrolle mit Schikanen

Die Reise von Weißrussland nach Hamburg wurde schon an der Grenze gestoppt. Denn aus Angst vor Krankheiten und Armut verlangten die deutschen Behörden mindestens Schifffahrtstickets zweiter Klasse von den Auswanderern. Nur mit Hilfe einer jüdischen karitativen Einrichtung gelang Familie Antin die Weiterreise.


Auf der Reise von Plotzk nach Hamburg erreichten Mary Antin und ihre Familie die russisch-preußische Grenze mit etwas Bargeld, das sie sich erspart und erliehen hatte, mit den Dampfschifffahrtskarten der Zwischendeckklasse, die der Vater ihnen aus Amerika geschickt hatte, und mit einem Auslandspass.

Ohne diesen Auslandspass durfte kein Russe auswandern. Den Auslandspass erhielt man allerdings nur, wenn man bereits einen Inlandspass besaß oder im Melderegister der Heimatgemeinde eingetragen war. Der Erwerb eines Passes war jedoch auch eine Geldfrage: 25 Rubel kostete er, 15 Rubel davon waren für das Passbuch, drei Rubel für die Stempel und sieben Rubel für Spesen und Bestechungsgelder. Wer ohne Pass aufgegriffen wurde, konnte ins Gefängnis kommen. Andererseits drückten manche russische Behörden auch ein Auge zu, wenn ein jüdischer Migrant ohne Pass erwischt wurde, oder unterstützen sogar dem Schmuggel: Immerhin war dies auch eine Möglichkeit, sich der lästigen Andersgläubigen zu entledigen.

Bargeldnachweis

1894, als Mary Antin auswanderte, waren Gesundheitskontrollen bei Auwanderern wichtiger als Armutskontrollen. Dennoch mussten die Juden bereits auf russischem Gebiet neben ihrer körperlichen Gesundheit auch beweisen, dass sie ausreichenden Bargeld besaßen.

Darüber hinaus sollte Mary Antins Familie ihre billigen Zwischendeckbillets in Tickets der 2. Klasse umtauschen. So sollten die preußischen Kontrollvorschriften umgangen werden, die russischen Auswanderern ohne Schifffahrtskarten oder nur mit Zwischendeckkarten die Durchreise verboten. Angeblich, weil von ihnen die größte gesundheitliche Gefahr ausging - sicherlich aber auch im Interesse der deutschen Reedereien, die so ihren Profit mehren konnten.

Hilfe vom Auswandererverein

Mary Antins Familie hatte zu wenig Geld, die Billets umzutauschen. Ihnen wurde der Pass an der Grenze abgenommen und mit der Abweisung gedroht. Auf den Tipp eines Grenzbeamter hin reisten sie nach Kibart, wo sie Inlandspässe nach Eydtkuhnen bei Königsberg bekamen. Hier wurde der verarmten Familie Antin durch einen jüdischen Hilfsverein für Auswanderer geholfen.

Der Verein besorgte ihr erneut einen Auslandspass und Geld für die Weiterreise. Die Fahrt in überfüllten und unhygienischen Sonderwagons der 4. Klasse wurde unterbrochen durch einige sanitätspolizeiliche Kontrollen. Ohne Unterbrechung dauerte die Bahnfahrt von der Grenze bis Hamburg ca. 25 1/2 Stunden und kostete - mit Vergünstigungen der jüdischen Hilfsvereine - etwa elf Mark. (bik)


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Erstellt am 01.05.2001

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