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Bordüre

L eben auf den Höfen

Die Wohnungen in den neugeschaffenen Wohnblocks waren größer, moderner und heller als die in den Zinskasernen. Kommunale Einrichtungen wie Kindergärten und Waschhäuser erleichterten das Leben. Dennoch brachten sie auch viele Nachteile: Die Vereinzelung der Familien wuchs, der alte Zusammenhalt wurde wider Erwarten nicht gefestigt.


Der bis heute wohl bekannteste "Superblock" Wiens ist der Karl-Marx-Hof im Bezirk Döbling aus dem Jahr 1927. Großzügig wurde von der Gesamtwohnfläche von 156.000 Quadratmetern nur 18,4 Prozent verbaut. 5000 Menschen lebten in 1800 Wohnungen.

Die Wohnungen waren meist um 50 Quadratmeter groß, für größere Familien gab es auch einige größere Wohnungen. Im Gegensatz zu den alten Bassenawohnungen mit vergitterten Gangfenster, Zimmerfenster auf den dunklen "Lichthof" hinaus, mit Wasser und Toilette auf dem Flur waren die meisten der Neubauten direkt belichtet, hatten einen kleinen Vorraum, der die Wohnung vom Stiegenhaus trennte, einen kleinen Abstellraum, Kellner- und Bodenabteil und Toilette und Wasser in der Wohnung.

Zwei große elektrisch beheizte Zentralwäschereien, zwei Kindergärten, ein Jugendheim, eine Schulzahnklinik, eine Bibliothek, zwei Badeanlagen mit Brause- und Wannenbädern, ein Postamt, eine Apotheke und viele Geschäfte fanden sich in dem einen Kilometer langen Komplex. Genormte Fenster, Steildächer, Türme und Vorsprünge sollten verhindern, dass diese lange Strecke langweilig wirkte. Auch wurde bewusst ein Hang ins Monumentale eingeschlagen, um ein Symbol für das "zu Stein gewordene Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse" aufzustellen.

Erfolg oder Misserfolg?

Freunden und Feinden der Sozialdemokratie galten die "Superblocks" des Roten Wien gleichermaßen als "politisches Manifest der österreichischen Sozialdemokratie". Die Gemeindebauten fanden internationale Beachtung. Immerhin war es doch einer der ersten scheinbar erfolgreichen Versuche, das "Recht auf Wohnen" festzuschreiben.

Die Wohnblöcke machten die austromarxistische Politik auch unter den Wiener Arbeitern populär: Gewann die SDAP 1919 noch 54 Prozent der Stimmen, erhielt so 1927 60 Prozent bei den Gemeinderatswahlen. Doch wie wurde das Leben in diesen "Superblocks" von ihren Bewohnern und Bewohnerinnen empfunden? Sowohl eine soziologische Untersuchung 1932 als auch zahlreiche Oral-History-Projekte Ende des 20. Jahrhunderts werfen ein kritisches Licht auf die Realität einer real existierenden sozialistischen Utopie.

Zerstörung der Familie?

Die weiträumigen Innenhöfe der Gemeindebauten sollten zum Verweilen und Kommunizieren einladen. Die bürgerlichen Gegner des Roten Wiens warfen dem Stadtrat vor, er wurde die "Familie zerstören". Tatsächlich wurden die Höfe aber weniger genutzt als geplant: In den alten Bassenawohnungen hatten sich die Hausfrauen während ihrer Arbeit beim Wasserholen auf dem Gang getroffen und nebenbei Informationen ausgetauscht. In den modernen Gemeindebauwohnungen mit ihrem fließenden Wasser blieb diese spontane Kommunikation aus. Und wer sich in den Hof setzte, hatte für alle Mitbewohner offensichtlich nichts zu tun.

Frauenberufstätigkeit?

Frauen in den Gemeindebauten gingen im Laufe der Jahre immer weniger einer Lohnarbeit nach. Das hatte einerseits finanzielle Gründe: Durch die niedrigen Mieten genügte ein einzelner Verdiener pro Haushalt . Andererseits hätte eine berufstätige Frau in den Gemeindebauten ihre Aufgaben ganz anders organisieren müssen. Es fehlten nämlich die "Heinzelmännchen des Proletarierhaushaltes", wie die zeitgenössische Soziologin Käthe Leichter die weiblichen Verwandten und Nachbarinnen nannte. Mit ihnen hatte man in den alten Zinskasernen auf engstem Raum zusammengewohnt, sie hatten die Kinderbetreuung übernommen.

In den Höfen standen der berufstätigen Mutter kommunale Kindergärten zur Verfügung. Die jedoch waren nicht kostenfrei, und Kinder wurden erst ab dem Alter von vier Jahren aufgenommen. Auch öffneten sie erst um 8 Uhr, die Mütter mussten aber schon um 7 Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein. Dazu kam die überall herrschende Meinung, die Frauen nähmen den Männern die raren Arbeitsstellen weg. Konsequenz: Besonders in den Gemeindebauwohnungen gaben die Frauen ihre Berufstätigkeit zugunsten der Haushaltsführung und Kindererziehung auf.

Ungerechte Zuteilung?

Die Wohnungen hatten im Schnitt eine Wohnfläche von etwa 50 Quadratmetern. Kleineren Wohnungen für ledige junge Erwachsene gab es nicht. Die Norm war auch für die Sozialdemokraten die Familie. Wer keine Familie gründete, musste weiterhin zur Untermiete in den schlechten alten Wohnungen leben.

Das aufwendige und bürokratische Punktesystem, nach denen die neuen Wohnungen vergeben wurden, war abschreckend und nicht immer gerecht. Ohne Beziehungen zu höheren Parteifunktionären, die dem Gerücht nach Wohnungen mitunter auch über eine sogenannte "graue Liste" vergaben, war die Bewerbung oft erfolglos.

Wohnküchen

Die abgeschlossenen Wohnungen sollten Rückzugsmöglichkeiten eröffnen. Doch für wirklich freie Entfaltung waren die Wohnungen zu klein: Geplant waren sie für dreiköpfige Familien, die meisten Arbeiterfamilien hatten aber mehr Kinder, so dass man sich nach wie vor auf engem Raum einrichten musste.

Zum Grundriss der größeren Wohnungen gehörte eine traditionelle Wohnküche - obwohl die zeitgenössische moderne Frankfurter Küche bereits mit dem Vorläufer der pragmatischen Einbau-Küche ausgestattet war. Durch die Wohnküche sollten Frauen bei ihrer Hausarbeit nicht von den politischen Gesprächen ihrer Männer ausgeschlossen bleiben. Die traditionelle Geschlechter-Rollenverteilung wurde von den Austromarxisten niemals wirklich in Frage gestellt. Moderne Vorschläge wie das "Einküchenhaus" Heimhof, ein Mehrfamilienhaus mit Zentralküche und Speisesaal für alle Mietparteien, blieben im Roten Wien die Ausnahme - obwohl die 246 Wohnungen des Heimhofs besonders unter Frauen sehr begehrt waren.

Erleichterungen im Haushalt?

Die Hausarbeit war in den Gemeindebauten weniger erleichtert, als es die Werbung des Roten Wiens suggerierte: Es gab zwar Gaskochstellen, aber keine Zentralheizung. Die Frauen mussten weiterhin Kohlen aus dem Keller schleppen. Die Böden waren zwar pflegeleichter, aber auch die Sauberkeitsstandards stiegen, so dass es keine wirkliche Zeitersparnis gab.

Die Wohnungen war lichtdurchflutet und ließen sich gut lüften - eine erhebliche Verbesserung der Wohnqualität. Dadurch verlagerte sich das Privatleben der Männer teilweise vom Wirtshaus, dem typischen proletarischen Kommunikationszentrum, in das gemütliche Zuhause. Für die Abstinenz-Bewegung eine positive Wendung, sah sie doch im Wirtshaus den Ort der Verführung zum Alkohol. Für die Ehefrau und die Kinder bedeutete die Anwesenheit des Mannes im Haushalt aber oft auch eine Beeinträchtigung. Die dominierende Macht des Ehemannes und Vaters ist auch in den Lebenserinnerungen der Bewohner und Bewohnerinnen der Gemeindebauten ein ständig wiederkehrender Eindruck, der "ständige Imperativ" des Still- und Gehorsamseins in der engen Stube, sobald der Mann nach Hause kam.

Arbeiter-Ästhetik?

Die schönen neuen Wohnanlagen machten neue Normen der Sauberkeit nötig. Die Gemeindeverwaltung richtete Beratungsstellen ein, um neue Mieter bei ihrer Möbelwahl zu unterstützen. Das war notwendig, denn viele der alten Möbel waren zu groß für die niedrigen Neubauten. Gleichzeitig sollte dadurch auch zu einer eigenen austromarxistischen Ästethik angeleitet werden. Schließlich wollten die Austromarxisten ein proletarisches Wertesystem als Gegenstück zur bürgerlichen Welt etablieren. Dazu gehörte auch die Wohnungseinrichtung: Die Möbel sollten praktisch und funktional sein. Kein unnötiger Zierrat und "kleinbürgerlicher Kitsch" sollte dem Arbeiter die Illusion eines bürgerlichen Daseins vortäuschen. Allerdings hatten die Austromarxisten die Rechnung oft ohne die neuen Bewohner gemacht: Die Balkone und Wohnungen wurden immer wieder nach den alten Vorstellungen von "bürgerlicher Behaglichkeit" eingerichtet.

Angesichts der vielen Bewohner musste das Leben in den Hofgemeinschaften genau organisiert werden. Jede Mietpartei bekam Zeiten zugewiesen, in denen sie das Waschhaus benutzen durfte. Diese Zeiten waren jedoch nicht unbedingt auf die Arbeitszeiten berufstätiger Frauen abgestimmt. Blumenbeete durften nicht nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden, die Kinder durften nicht auf dem Rasen spielen, und die Mittagsruhe war in den Höfen heilig. Der sozialdemokratische Hausmeister war genauso eine Autoritätsfigur wie zuvor der Hausmeister der Zinskasernen. Diese Verregelung des Lebens in den Höfen führte dazu, dass die Familien am Sonntag lieber in den Wienerwald fuhren, statt sich im Hof mit den Nachbarn zu unterhalten.

"Neue Menschen"?

Die Prinzipien des "neuen Menschen" waren im Privatleben der Wiener Arbeiter und Arbeiterinnen auch in den Gemeindebauten weit weniger präsent, als sich das die austromarxistischen Theoretiker überlegt hatten. Und auch die Erfolge auf dem Wohnungsmarkt waren nicht so revolutionär wie von der SDAP behauptet: Zwischen 1924 und 1934 verdreifachte sich die Zahl der Obdachlosen in den Heimen auf 77.419 Menschen im Monat. Nur 18 Prozent aller Arbeiterhaushalte hatte am Ende der ersten Republik Gas, Strom und fließend Wasser in den Wohnungen, 18 Prozent gingen nach wie vor leer aus.

Positive Effekte

Doch es gab auch positive Seiten: Bei den Eröffnungsfeiern neuer Wohnanlagen kamen stets Zehntausende von Schaulustiger. Die Volksfeststimmung dabei bewies die große Akzeptanz der Gemeindebauten. Endlich war für viele Mieter ein dauerhaftes Wohnen möglich, ohne Sorgen um Kündigungen oder Vermieterwillkür. Gesicherte Wohnverhältnisse waren wichtig für kontinuierliches politisches Engagement und lagen somit auch im Interesse der Sozialdemokraten.

Ein weiteres Zeichen für die Akzeptanz ist auch, dass die riesigen Wohnanlagen selbst im Laufe der Jahre und Jahrzehnte nicht verwahrlosten oder einen Ghetto-Charakter bekamen. Und trotz aller Halbheiten zeigen die Lebensgeschichten vieler Bewohner und Bewohnerinnen der Gemeindebauten, dass die Solidarität in den Wohnanlagen größer war als in den Zinskasernen.

Das spürten nach 1934 auch austrofaschistische und nationalsozialistische Parteigänger und Funktionäre, die zur Untergrabung der mittlerweile verbotenen Sozialdemokratie in die Gemeindebauten eingewiesen wurden. Sie beklagten sich immer wieder über die eisige Kälte und die stumme Ablehnung durch die Mitbewohner und verlangten nicht selten eine andere Wohnung. Die Solidarität zeigte sich am deutlichsten im Bürgerkrieg des Februars 1934, als der Karl-Marx-Hof eines der Zentren des sozialistischen Widerstandes in Wien war. Hier währten die Kämpfe der hoffnungslos unterlegenen Arbeiter gegen die schwer bewaffneten Bundestruppen am längsten. (bik)


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Erstellt am 10.08.2000

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