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Bordüre

F abrikenprotest in Iserlohn und Böhmen

Sowohl in Iserlohn als auch in Böhmen waren die Arbeiter bereits in das Fabriksystem integriert. Die böhmischen Kattundrucker nahmen eine Vorreiterrolle ein: Sie hatten eine Art Versorgungskasse für den Streikfall. Die Solidarität untereinander war groß. Dennoch wurden viele Protestierende festgenommen.


Fabrik

Der strukturelle Wandel in der märkischen Industrieregion um Iserlohn verlief langsamer als in anderen deutschen Gebieten. Aber auch hier stand die Messingwarenindustrie unter ausländischem Konkurrenzdruck. Die französischen Produkte zwangen die Unternehmer zu scharfer Kalkulation und technischer Neuorientierung.

Die böhmische Industrie waren im Gegensatz dazu mit am weitesten entwickelt. Die Textilindustrie übernahm hier, wie in England, die Funktion der Initialzündung zur Industrialisierung. In der Kattunindustrie, die sich parallel zur Baumwollwarenindustrie entwickelte und sich vornehmlich in Prag und Umgebung konzentrierte, gab es vor allem geschlossene, oft sehr große Fabriken. Mit der Industrialisierung nahm vor allem in Nordböhmen die Bevölkerung beträchtlich zu. Im Jahr 1844 war die Region stark geprägt von den Problemen, die der strukturelle Wandel mit sich brachte, die hohe Bevölkerungszahl und eine Missernte im Jahr 1843.

Neues Verfahren und billige Arbeitskräfte

Beim Fabrikenprotest in Iserlohn und bei den Unruhen in Böhmen waren vor allem Arbeiter aktiv, die bereits voll integriert waren ins Fabrikensystem. In Iserlohn richtete sich der Protest nicht direkt gegen die technische Neuerung des Fabrikanten Schmidt, das Rotgussverfahren. Das Rotgussverfahren ermöglichte allerdings, dass wesentlich billigere weibliche Arbeitskräfte angestellt werden konnten. Hier wollten die Protestierenden, dass die personellen Veränderungen zurückgenommen werden.

Die böhmischen Unruhen begannen, nachdem der Fabrikant Porges angekündigt hatte, den Stücklohn künftig zu verringern. Die Arbeiter legten daraufhin die Arbeit nieder und schickten eine Deputation, die mit Porges verhandeln sollte. Als sich Arbeiter anderer Fabriken solidarisch erklärten, ergriff Porges die Flucht. Erst anschließend kam es zum Maschinensturm in seiner Fabrik und der anderer Unternehmer, bis das Militär eingriff.

Einwöchiger Streik ohne Ergebnis

Nachdem sich die Arbeiter auf einer Wiese gesammelt hatten, beschlossen sie, den Gubernialpräsidenten Erzherzog Stephan aufzusuchen und ihm ihr Anliegen vorzutragen. Doch der Erzherzog ließ ihnen mitteilen, dass er nicht mit ihnen verhandeln würde, solange sie streikten. Weitere Versammlungen wurden vom Militär aufgelöst. Als nach einwöchigem Streik die Arbeiter immer noch keine Anstalten machten, die Arbeit wieder aufzunehmen, wurden mehr als 500 von ihnen in einer Herberge verhaftet. Ein Großteil von ihnen wurde bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Hiermit endete der Arbeitskonflikt in Prag.

Aber auch in anderen Teilen Böhmens kam es zu Unruhen. Im Reichenberger Gebiet sammelten sich Arbeiter, die in der Spinnerei beschäftigt waren, um die für die Fabrik Ginzel angelieferte neue Spinnmaschine zu zerstören. Hier schritten die Arbeiter wie 1821 in Eupen vor der Inbetriebnahme der neuen Maschine ein.

Unterstützungskasse und Solidarität

Die Kattundrucker Böhmens waren vergleichsweise sehr gut organisiert. So war in Reichstedt bereits seit 1804 eine Unterstützungskasse etabliert, die ähnlich wie die in den Gesellenschaften existenten Laden eine Absicherung im Krankheits- und Todesfalle gewährleisten sollte. Ihre Mitglieder formulierten allerdings bald Interessen, die über den eigentlichen, unmittelbaren Zweck der Kassen weit hinaus gingen. So beschwerten sich die Prager Kattundrucker innerhalb der Kassen über die Perotinen und verfassten ein Flugblatt an die Prager Bürger. Zwar waren diese Unterstützungskassen anfangs betriebsintern konzipiert, dennoch bestanden Verbindungen der Kassen untereinander. Das wird anschaulich durch die Solidaritätsaufforderung der Prager Kattundrucker an ihre Kollegen in Leipa.

Hier wurde ein Kattundrucker verhaftet, der mit einem Brief seiner Prager Kollegen von Fabrik zu Fabrik ging. Das Schreiben der Prager Kattundrucker rief zur Solidarität mit den an den Unruhen Beteiligten auf, die nun vor Gericht standen. Es warnte die Kattundrucker Nordböhmens vor den unheilvollen Folgen der Maschinen. Da der Bote bei den Kattundruckern in Leipa offensichtlich Gehör fand, ordneten die Behörden seine Verhaftung an. Die Kattundrucker stellten daraufhin ihre Arbeit ein und forderten die Freilassung des Inhaftierten. Nachdem sie das erreicht hatten, schlugen sie in einer Bestrafungsaktion die Fenster des Bürgermeisters ein, der für die Verhaftung verantwortlich gemacht wurde. Das Militär stellte schnell wieder Ruhe und Ordnung her. (bik)

 

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Erstellt am 10.01.2001

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