Zusammenfassung | Flugblätter | Karikatur | Michel | 1. Beispiel | 2. Beispiel | Nationalismus | Literatur

Bordüre

M ichel erwache!

Eine sehr populäre Karikatur aus dem Jahr 1843 zeigt einen gedemütigten, geknebelten Michel, der von allen Seiten drangsaliert wird. Seine Befreiung aus diesem Gefängnis wird vom Karikaturisten dringend empfohlen...

Das Urheberrecht der von mir zur Illustration benutzten Zeichnungen und Fotos bleibt selbstverständlich bei den Rechteinhabern!


Der deutsche Michel von 1843

Der deutsche Michel mit Zipfelmütze ist in dieser Karikatur aus dem Jahr 1843 bewegungsunfähig in einem Kinderstuhl eingeklemmt, sein Kopf lehnt an einem Kissen mit einem Lamm. Ein Maulschloss verhindert seinen Protest. Auf seiner Brust sind Zahlenfelder zu sehen, die die 37 souveränen Fürstentümer und Reichsstädte darstellen. Auf dem linken Stiefel sind der österreichische und auf dem rechten, halb vom Flicken verdeckt, der preußische Adler als 38. deutscher Bundesstaat abgebildet.

Michel wird von allen Seiten bedrängt. Der elegant uniformierte, sehr dünne Mann zu seiner Linken, soll Fürst Metternicht sein, der sich selbst "Kutscher Europas" nennt. Dieser lenkt im 19. Jahrhundert die deutsche Politik gegen den Willen des national und liberal denkenden deutschen Volkes. Er lässt Michel zur Ader, sein Blut wird zu Geld: Der Karikaturist wirft Metternicht vor, dass er sich an Michels Elend bereichert. Weil Metternicht außerdem fürDemagogenverfolgung und Repression steht, besitzt er auch den Schlüssel für das Maulschloss, das Michel unterdrückt.

Russlands tödliche Umarmung

Der Mann mit der Pelzmütze, der hämisch lächelnd hinter Michel steht, ist die konservative Großmacht Russland. Zar Nikolaus I., der sich selbst gern als "Gendarm Europas" bezeichnet, kämpft gegen jegliche revolutionäre Bestrebungen, wie z.B. 1830 gegen den Aufstand in Polen, der bei den deutschen liberalen Kräften große Sympathie für die polnischen Exilsuchenden hervorrief. Einerseits stellt sich Russland mit Preußen gut und legt Michel eine hand beruhigend auf die Stirn, denn zusammen mit Preußen und Österreich gehörte Russland zum konservativen Ostblock. Andererseits bedeutet diese Annäherung für Michel, dem Repräsentanten des deutschen Volkes, eine geradezu tödliche Umarmung, die ihm die Luft nimmt.

Auf Michels linker Seite reisst ein Mann in französischer Uniform an seinem linken Ärmel. Hier wird an die Rheinkrise 1840 erinnert, in der die Franzosen die linke Rheinseite als Grenze beanspruchen und damit die deutsch-französischen Differenzen auf einen empfindlichen Punkt bringen.

England gegen Freihandel

Die englische Bulldogge unten im Bild zerrt an Michels Geldbörse. Tatsächlich schwächt England den Deutschen Bund durch seine restriktive Handelspolitik seit 1815 wirtschaftlich erheblich. Großbritannien wehrt sich erfolgreich gegen eine Freihandelspolitik. Englische Produkte überschwemmen jedoch den deutschen Markt, was wenige Jahre nach Erscheinen dieser Karikatur auch zu den Schlesischen Weberaufständen und anderen Maschinenstürmen und Fabrikenprotesten führt.

Der traditionell konservative Vatikan schimpft im Hintergrund mit Petrischlüssel und Hirtenstab gegen alle revolutionären Bestrebungen. Und das Bundesheer, das seit den Karlsbader Beschlüssen 1819 550.000 Mann aus den Kontingenten der Bundesstaaten umfasst, exerziert zwar, kann aber nicht aktiv eingreifen und das deutsche Volk, den Michel, verteidigen. Der Dualismus der beiden Großmächte Österreich und Preußen lähmt das Bundesheer, so dass es nur nutzlos paradiert.

Sehr populär

Über den Künstler R. Sabatky oder den Julius Springer Verlag und Buchhandlung in Berlin, in dem diese Karikatur 1843 als Kreidelithographie herausgegeben wurde, ist bis auf die Namen, die sich aus dem Prägestempel ergeben, nichts bekannt. Sicher ist jedoch, dass es sich um eines der populärsten Blätter der Zeit handelt. Noch heute ist das Blatt in vielen, teilweise auch kolorierten Exemplaren und in verschiedenen Versionen erhalten. Außerdem gibt es eine 23-seitige Broschüre "Der deutsche Michel. Erläutert von einem Freunde und Leidensgenossen", die anonym im Jahre 1843 in etwas Leipzig erschien und sich in vorsichtigen Andeutungen mit der vorliegenden Karikatur auseinandersetzte.

Die Karikatur will weniger an konkrete Ereignisse erinnern als vielmehr eine Stimmung zeigen, die im national gesinnten Bürgertum in Deutschland weit verbreitet war. Sie sahen ihr deutsches Vaterland von fremden, feindlichen Kräften umringt und in seiner Souveränität beeinträchtigt. Nur ein "Erwachen" des Michels konnte daran etwas ändern. (bik)


weiter zur zweiten Beispielkarikatur

 

Erstellt am 18.04.2002

Hier geht's zurück zur Geschichtsseite