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J azz im Krieg

Die Nazis lehnten auch im Krieg Jazz ab, dennoch konnten sie nicht verkennen, dass weite Kreise ihrer Anhänger nichts gegen eine fröhliche musikalische Ablenkung hatten. Tanzverbote blieben daher bis Stalingrad auch nur temporär. Weiterhin wurde Jazz im Propagandkrieg im Rundfunk unverzichtbar. Die Deutschen standen den Engländern hier in nichts nach.


Mittlerweile herrschte Krieg in Europa. Die Zwiespältigkeit der Nazis gegenüber dem Jazz setzte sich fort. Da war auf der einen Seite eine Verlautbarung der Reichsleitung der NSDAP aus dem Jahr 1944:

    "Wenn manchmal gesagt wird, wir dürften gerade jetzt im Krieg nicht auf den Jazz verzichten, weil bestimmte Volkskreise auf ihn Wert legen, so kann man nach meiner Überzeugung darauf nur antworten, dass diese Volkskreise kaum die Stützen unserer Weltanschauung und unseres Staates sein dürften."

Auf der anderen Seite waren "diese Volkskreise" sehr wohl die "Stützen des Staates", nämlich die Soldaten an der Front. Viele Verantwortliche erkannten, dass Jazz gut für die Kampfmoral war. Nicht ohne Grund brachten die zahlreichen deutschen Soldatensender oft erstklassigen Jazz.

Joachim-Ernst Berendt, der später beim WDR Jazz-Sendungen moderierte und einige bedeutende Bücher über den Jazz schrieb, brachte 1943 auf "Wunsch" seines Wehrmacht-Kommandeurs einige Hot- und Swing-Platten vom Heimaturlaub an die russische Front:

    "So spielte ich im Deutschen Soldatensender jene Musik, für die man ins Gefängnis kommen konnte, wenn man sie in Hamburg oder Berlin hörte."

Unterhaltung tut not

Aber auch in Deutschland selbst erging es der Jazz-Szene während des Krieges "besser" als 1937 bis 1939 - abgesehen von der Verfolgung der Swing-Jugend. Soldaten aus den besetzten Ländern versorgten ihre Freunde daheim mit den neuesten Platten. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte erkannt, dass gute Laune auch an der "Heimatfront" kriegswichtig war: Das bei Kriegsbeginn erlassene Tanzverbot wurde 1940 wieder aufgehoben. Nur in besonders ernsten Lagen wie während der Belagerung von Stalingrad wurde das Verbot kurzzeitig wieder eingeführt.

Als der berühmte Jagdflieger Werner Mölders, selbst begeisterter Glenn-Miller-Fan, sich bei Hitler persönlich über die langweiligen deutschen Rundfunkprogramme beschwerte, meinte Reichsmarschall Hermann Göring:

    "Man könnte solchen Swing ja selbst herstellen und wäre dann nicht mehr auf Glenn Miller und die anderen großen amerikanischen Orchester angewiesen."

1941 wurde daraufhin auf Goebbels Befehl das "Deutsche Tanz- und Unterhaltungsorchester" gegründet. Das DTU bekam den Auftrag, eine "eigene artgemäße Unterhaltungs- und Tanzmusik" zu schaffen. Diese neue Musik konnte schlecht Jazz genannt werden - dafür hatte man dieses Wort schon zu negativ besetzt. Goebbels erfand also den Begriff der "modernen rhythmischen Musik". Tatsächlich war das, was das DTU spielte, Swing: Je länger der Krieg dauerte, desto mehr erstklassige Musiker aus Holland, Belgien und Tschechien ersetzten die eingezogenen deutschen Musiker.

"Goldenes" Zeitalter

Im Krieg hatte der Rundfunk eine weitere Aufgabe: die Verbreitung von Desinformationen und Propaganda. Der populäre Jazz war auf beiden Seiten ein häufig eingesetztes Mittel, um eben diese Propaganda unter die Soldaten und die Zivilbevölkerung zu bringen. Nicht zuletzt profitierten die Jazzfreunde von diesem Rundfunkkrieg - so guten Jazz hatte man in Friedenszeiten in Deutschland nicht oft gehört.

Als dann die Alliierten Deutschland befreiten, war eine große Epoche des deutschen und europäischen Jazz beendet. Für viele sind diese Jahre immer noch das "Goldene Zeitalter" - auch wenn in dieser Hoch-Zeit etliche Swing-Freunde misshandelt wurden oder gar in den KZ starben, und etliche erstklassige Musiker an der Front getötet wurden. Und trotzdem, wie Mike Zwerin anmerkte:

    "Hätte Goebbels mit dem St. Louis Blues mitgeswingt, anstatt ihn zu verbieten, dann hätte es keine Tristesse de Saint Louis gegeben - und kein Goldenes Zeitalter." (bik)

 

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Erstellt am 05.08.2000

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