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Bordüre

N ationalfigur und Nationalismus

Der deutsche Michel entwickelt sich im Vormärz zu einem Symbol des deutschen Volkes und entspricht damit dem Wunsch der Nationalisten nach einer Einheit. Doch nach einer kurzen Phase der nationalen Einheit und parlamentarischen Erprobung schläft der Michel wieder ein.


Michel mit der Pickelhaube

Mit der Situation nach dem Wiener Kongress konnten sich deutsche Nationalliberale nicht zufrieden geben. Sie protestierten immer wieder gegen den dezentralen Staatenbund, der durch den preußisch-österreichischen Dualismus innen- und vor allem außenpolitisch gelähmt wurde. Die Julirevolution 1830 und das Hambacher Fest zeigten dies deutlich.

Doch sie waren zunächst wenig erfolgreich. Verschärfte Repression, Pressezensur und Versammlungsverbote setzten die Restauration durch. Die Hoffnung auf einen souveränen Nationalstaat blieb trotz alledem bestehen, wurde sogar größer, je schärfer die Repression wurde. Vor allem die französische Forderung nach der Rheingrenze 1840 weckte einen deutschen Patriotismus auch in Kreisen, die zuvor nicht so sehr nationalistisch eingestellt waren. Die ersten Jahre der Herrschaft Friedrich Wilhelms IV., der selbst ein "Romantiker auf dem Thron" war, zeigen diese zunehmende Nationalisierung: Das Kölner Dombaufest 1842 und die "Tausendjahrfeier des Reiches" 1843 setzten nationale Symbole.

Michel als deutsches Symbol

In den beiden Karikaturen steht die Figur des Michels für das bedrückte und entzweite deutsche Volk. Die Befreiung kann, so sieht es der Zeichner, nicht von Fürsten, sondern nur vom Volk selbst ausgehen. Deshalb appelliert er direkt an die Deutschen, sich aufzuraffen und dem unwürdigen "Kinderstuhl" der Repression zu entsteigen. War die Figur des Michels zuvor oft noch Repräsentant einzelner Gruppen, repräsentierte sie im Vormärz erstmals das ganze deutsche Volk. Der deutsche Michel wurde somit zur Nationalfigur eines vereinigten starken deutschen Nationalstaates.

Wer in diesem Nationalstaat die Führungsposition einnehmen soll, macht der Zeichner im zweiten Bild deutlich: Das neue deutsche geeinte Reich soll unter Preußens Vorherrschaft zu neuem Glanz erstrahlen. Damit drückt er die bürgerlich-liberale Stellung zu dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. aus: Dieser beendet die Demagogenverfolgung und beruft Provinzialstände ein, entspricht damit zunächst den liberalen Forderungen.

Friedrich Wilhelm als Hoffnungsträger

1843, als die Karikatur erscheint, gilt Friedrich Wilhelm IV. noch als große Hoffnung des politischen Bürgertums. Ein deutscher Nationalstaat unter Preußens Führung verspricht nationale Einheit und gemäßigte liberale Reformen. Michel soll sich von äusseren, ausländischen Fesseln befreien, nicht jedoch innerlich erschüttert werden durch einen revolutionären Umsturz - eine Revolution liegt nicht im Interesse des besitzenden Bürgertums.

Sieben Jahre, nachdem die beiden Karikaturen erschienen sind, sind die nationalen Hoffnungen gescheitert. Die einzigen Erfolge der Märzrevolution: Der verhasste Metternicht ist abgesetzt und kurzzeitig ist eine nationale, demokratische Einheit in Deutschland zu spüren. Sie währt allerdings nur kurz. Friedrich Wilhelm IV. bringt für eine parlamentarische Konstitution kein Verständnis auf und lehnt die ihm vom der Frankfurter Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone ab.

Michel schläft wieder ein

Der Deutsche Bund mit seinen Kleinstaaten wird wieder eingesetzt, der preußisch-österreichische Dualismus verschärft sich, und die Reaktion beginnt, wieder vorrevolutionäre Verhältnisse herzustellen. In den Karikaturen der 1850er Jahre ist die Nationalfigur Michel denn auch folgerichtig erneut eingeschlafen. (bik)


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Erstellt am 18.04.2002

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