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Bordüre

N ach dem Krieg in Wien

Als der Erste Weltkrieg zu Ende war, befand sich Wien in einer desolaten Situation: Wohnungsnot, Hunger und Krankheiten waren überall. Die Wiener Sozialdemokraten machten sich daran, Auswege aus dieser Not zu suchen.


Während des Ersten Weltkrieges zogen große Flüchtlingsströme nach Wien, vor allem aus dem russisch besetzten Galizien. Am Ende lebten 2,24 Millionen Menschen in der Hauptstadt. Ihre Versorgung wurde extrem schwierig: Die Wiener Fabriken produzierten für den Krieg, die Landwirtschaft der Umgebung konnte wegen Arbeitskräftemangel kaum bestellt werden, und nachdem 1916 Kaiser Franz Josef I. gestorben war, häuften sich Friedens- und Hungerdemonstrationen in Wien.

Im Herbst 1918 brach die Front zusammen. Die slawischen Völker der Donaumonarchie bildeten eigene Staaten, Ungarn trennte sich von Österreich. Massenproteste in Wien und in den österreichischen Industriegebieten zwangen Kaiser Karl am 11.11.1918 zum Verzicht auf die Staatsgeschäfte. In vielen Städten bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, in Wien führten sie jedoch nicht zu einer Räterevolution.

Proklamation der Republik Österreich

Am 12.11.1918 proklamierte eine provisorische Nationalversammlung die Republik Deutschösterreich. Zunächst gab es allerdings wenig Begeisterung für die Republik. Die Christsozialen und die konservativen Großdeutsch-Nationalen wollten die Monarchie, die SDAP zögerte noch. Alle Parteien waren sich einig, dass ein Rumpfstaat, wie es Österreich nach dem Zerbrechen des Vielvölkerstaates war, keine echte Überlebenschance hätte. Besser sei es, es an Deutschland anzugliedern. Der Artikel 2 der Proklamation bezeichnet denn auch die Republik Deutschösterreich ausdrücklich als Bestandteil der deutschen Weimarer Republik.

Doch die Verträge von Versailles und St. Germain ließen das nicht zu. Im November 1919 wurde der zweite Artikel annulliert und der Name der Republik in Republik Österreich geändert. Das Vorkriegsparlament wurde reaktiviert: Die Sozialdemokraten bildeten zusammen mit den Christlichsozialen und den Großdeutschen eine provisorische Regierung unter dem Sozialdemokraten Dr. Karl Renner.

Sieg der Sozialdemokraten

Im Herbst 1918 wurde das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen in der Gemeinde Wien eingeführt. Am 4. Mai 1919 gab es die ersten demokratischen Gemeindewahlen. Die Sozialdemokraten errangen eine deutliche Mehrheit: 54,2% oder 100 von 165 Mandaten. Die Christlichsozialen erhielten nur 27,1 % der Stimmen. Damit war Wien nach 25 Jahren christlichsozialer Gemeindeverwaltung die erste Millionenstadt unter sozialdemokratischer Regierung. Jakob Reumann wurde Bürgermeister. In der österreichischen Republik konnte sich die SDAP als Koalitionspartner der Christlichsozialen bis 1920 halten, danach befand sie sich bis zum Ende der ersten Republik in der Opposition.

Wirtschaftliche Not

Die sozialdemokratischen Ratsherren standen vor einer prekären Situation: Die Millionenstadt Wien (1,8 Millionen Einwohner) lag am Rande des neuen Kleinstaates, das "Hinterland" des Wirtschaftsgebietes war verloren. Rohstofflieferanten aus Böhmen waren ebenso verloren wie der adlige Luxuskonsum und die habsburgische Bürokratie. Die Versorgungslage der Stadt war katastrophal. Dazu kam die kriegsbedingte Inflation, die sich zur chronischen Finanzkrise auswuchs. 1922 half ein Völkerbundkredit aus der angespannten Lage. Am 24. Dezember 1924 löste die Schilling-Währung die alten Kronen ab und sorgte für eine kurzzeitige Stabilisierung der Wirtschaft - allerdings auf Kosten der Lohnabhängigen. In Wien waren die Folgen besonders deutlich zu spüren.

Österreichs Bevölkerung hatte nur wenig Sympathie für den "Wasserkopf" Wien. Ein Drittel aller Österreicher lebte in Wien, nachdem Tausende von entlassenen Soldaten und Flüchtlinge aus den ehemaligen Monarchieländern in die Hauptstadt gekommen waren. Das Umland lieferte aber nur zögernd Lebensmittel, da die Wiener Fabriken wegen Kohlenmangel schließen mussten und nichts im Gegenzug liefern konnten.

Wohnungsnot und Krankheiten

Die Soldaten und Flüchtlinge hausten in Notbaracken, Kellern und überfüllten Mietswohnungen, der Wohnraum reichte nicht aus. Dazu waren die kleinen, düsteren "Bassenawohnungen" in schlechter Qualität. Fließend Wasser auf den Fluren und Gemeinschaftsbäder für die gesamte Etage waren üblich, Krankheiten breiteten sich schnell aus. Tuberkulose war schon seit langem als "Wiener Krankheit" bekannt, dazu kamen im Winter 1918/19 die "spanische Grippe" und Syphilis, die viele Todesopfer forderten. Zudem war die Arbeitslosenquote sehr hoch: Sowohl Industriearbeiter aus den stillgelegten Fabriken als auch Beamte aus dem ehemaligen habsburgischen Staatsapparat suchten Arbeit in Wien. Die Wiener Sozialdemokraten standen also vor schwierigen Problemen. Und entgegen aller Vorurteile bewies der "rote" Gemeinderat, dass er nicht nur diskutieren, sondern auch handeln konnte. (bik)

 

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Erstellt am 10.08.2000

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