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Bordüre

J azz unter den Nationalsozialisten 1933 bis 1939

Die Nazis verachteten den Jazz und bemühten sich früh um Verbote. Doch trotz aller Versuche konnten sie Jazz und Swing nie völlig ausschalten: Noch nicht einmal im gleichgeschalteten Rundfunk ließ sich die Musik entfernen. Zwischen dem ideologischen Anspruch der Nazis und der Alltagsrealität klaffte eine Lücke, in der der Jazz weiterhin gedieh.


Die nationalkonservative und nationalistischen Kreise hatten bereits in der Weimarere Republik gegen den "Nigger-Jazz" gewettert. So wurde das erste regionale Jazzverbot auch bereits 1931 vom damaligen thüringischen Volksbildungsminister Wilhelm Frick erlassen - dem späteren Reichsinnenminister der NSDAP. Nach der so genannten "Machtergreifung" der Nationalsozialisten 1933 beeilte sich die Berliner "Funkstunde", die "Negermusik" in ihren Sendungen zu verbieten.

Die Nazis fanden schon früh viele Worte über diese Musik: Der Jazz zeichne sich durch "grauenvoll eindeutige Texte mit moralzerfetzender Haltung" und "unanständiger Tanzformen" aus. Nur die vitale Lebenskraft des sich besinnenden deutschen Volkes habe diesen "musikalischen Untergang des Abendlandes" zu verhindern gewusst, indem der "Niggerjazz" verpönt sei.

Und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels meinte:

    "Nun möchte ich ganz offen über die Frage sprechen, ob der Deutsche Rundfunk die so genannte Jazzmusik senden soll. Wenn unter Jazz Musik verstanden wird, die auf Rhythmus aufgebaut ist und in der die Melodie vollkommen ignoriert oder gar verspottet wird, Musik, in der dieser Rhythmus lediglich durch den hässlichen Klang kreischender Instrumente bestimmt wird, der die Seele verletzt - nun, dann kann man die Frage nur mit einem klaren Nein beantworten."

Probleme eines Verbotes

Doch ganz so einfach war ein Verbot der Jazzmusik nicht durchzuführen. Es gab immer noch Gastspiele amerikanischer Musiker wie Louis Armstrong und Duke Ellington. In den Läden waren Schallplatten mit der verpönten Musik zu kaufen - oder zu tauschen. Ausländische Radiosender wie Radio Luxemburg unterlegten ihre Werbeprogramme mit Jazz und jazzähnlicher Musik. Amerikanische Musikfilme feierten große Erfolge auch in den deutschen Kinos. Die moderne Tanzmusik verkörperte für breite Schichten das Leben in Großstädten und war unersetzbar.

So kam es auch nie zu einem nationalen, einheitlichen Jazzverbot, wie es die Nazis gern gehabt hätten, und wie es noch heute oft fälschlicherweise erzählt wird.

Jazzverbot im Rundfunk?

Selbst der gleichgeschaltete Rundfunk tat sich mit einem Verbot dieser populären Musik schwer: Erst zwei Jahre nach der so genannten "Machtergreifung", am 12.10.1935, gelang es dem Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky, ein Jazzverbot durchzusetzen:

    "Nachdem wir zwei Jahre lang mit dem Kulturbolschewismus aufgeräumt haben, wollen wir auch mit den noch in unserer Unterhaltungs- und Tanzmusik verbliebenen zersetzenden Elementen Schluss machen. Mit dem heutigen Tag spreche ich ein endgültiges Verbot des Niggerjazz für den gesamten deutschen Rundfunk aus."

Zur Kontrolle wurde ein "Prüfungsausschuss für deutsche Tanzmusik" geschaffen. Dieser Ausschuss entschied über Aufführungsgenehmigung oder Verbot eines Werkes im Rundfunk. Dort saßen Mitglieder der Reichsmusikkammer, des Berufsstandes deutscher Komponisten, der HJ, der Reichssendeleitung und anderer Gremien.

Aber Hadamovsky unterlief sein eigenes Verbot selbst sehr schnell. Die Anti-Jazz-Sendung "Vom Cakewalk zum Hot" sollte mit "besonders abschreckenden Musikbeispielen" vor allem auf die Jugend erzieherisch wirken. Tatsächlich war die Sendung ein großer Erfolg - aber eher aus anderen Gründen: Hier konnten die jugendlichen Zuhörer endlich einmal originalgetreuen Jazz hören!

Die Olympiade 1936

Auch die Olympiade 1936 sorgte dafür, dass Jazzverbote gelockert wurden. Die Nazis wollten schließlich ihren ausländischen Gästen ein kosmopolitisches Kulturleben in Berlin bieten. Viele Jazzmusiker kamen in diesem Jahr in die Hauptstadt des Deutschen Reiches und belebten die Musikszene.

Doch die Nazis blieben skeptisch. Um "arteigene Klänge" zu entdecken, die den verhassten "Negerjazz" ersetzen konnten, wurde 1936 ein Tanzkapellen-Wettbewerb veranstaltet, der im Rundfunk übertragen wurde. Die Deutsche Tanzmusik musste sich allerdings erst einmal definieren. Die Preisträger des Wettbewerbs wurden nicht sehr populär beim deutschen Publikum.

Nach der Olympiade zogen die Nazis die Schraube wieder an: Ab 1937 verschärfte sich die Kontrolle von Musikern und Lokalen durch die Reichsmusikkammer und die Polizei. Schwarze Listen mit verbotenen Titeln wurden erstellt, Definitionsversuche von Jazz erwogen. Allerdings hatten die Nazis keinen Erfolg.

Ausländische Rundfunksender

Ein weiteres Problem stellten die ausländischen Radiostationen dar. Schon 1934 erkannte Reichssendeleiter Hadamovsky auf einer Intendantentagung in Berlin:

    "Die Hörer der Grenzgebiete, die Gelegenheit haben, ausländische Sendestationen zu empfangen, müssen daran gehindert werden, dass sie die Unterhaltungsprogramme dieser Sender, vor allem ihre zum Teil ausgezeichneten Tanzmusiken abhören. Sie können aber nur dadurch daran gehindert werden, dass wir ihnen eine noch bessere Tanzmusik bieten."

Der Unterhaltungsfaktor war im Rundfunk des Nationalsozialismus besonders wichtig, um die Werktätigen zu entspannen. Und nur mit unterhaltsamer Musik konnten die deutschen Hörer auch beim deutschen Rundfunk gehalten werden. Aber gerade in Punkto Jazz und moderner Tanzmusik kollidierte der Unterhaltungsfaktor mit den völkischen Prinzipien der Nazis. Kompromisse waren die Folge: Es wurden weiterhin fast alle amerikanischen Schlager im Radio gespielt, allerdings mit deutschen Titeln versehen und von deutschen Radiokapellen entschärft.

Kluft zwischen Ideologie und Realität

Zwischen dem ideologischen Anspruch der Nationalsozialisten und der Alltagsrealität klaffte eine große Lücke, die nicht geschlossen werden konnte. Dagegen standen die profitorientierten Interessen der Privatwirtschaft, die sich der Nachfrage anpasste. Dagegen stand auch das Zugeständnis einer gewissen politikfreien Individualsphäre, die die Nazis zum eigenen Machterhalt hinnehmen mussten. Dagegen stand letztlich auch die eigene Vorliebe einiger hoher Nazis für die offiziell verpönte Musik. Einigen wurde nachgesagt, dass sie konfiszierte Platten sammelten. Selbst von Goebbels heißt es, er habe einige Platten amerikanischer Schlager von Gershwin, Berlin und anderen verfemten Komponisten und Bands besessen.

Diese eher komische Seite darf aber nicht davon ablenken, dass die Abneigung der Nazis auch zu Verfolgung und Tod führte. Die Schicksale der Swing-Jugend in Hamburg, Berlin und anderen deutschen Städten zeigen das. Vor allem während des Krieges verschärfte sich der Kampf der Nazis gegen den Jazz weiter. (bik)

 

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Erstellt am 05.08.2000

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