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Bordüre

J uden im zaristischen Russland

Unterschwelliger Antisemitismus in Russland wurde unter Zar Alexander III durch entsprechende Gesetze gefördert. Die Juden wurden auf ein kleines Areal gedrängt, in dem sie wohnen und in bestimmten Berufen arbeiten durften. Als Folge verarmten die osteuropäischen Juden.


Antisemitismus hat im russischen Zarenreich eine lange Geschichte. Bereits 1786 schuf ein "Ukas", ein Zarenerlass, einen Sperrbezirk für Juden, einen "Ansiedlungsrayon", in dem Juden leben und arbeiten mussten. Unter Zar Nikolaus 1. wurde 1835 dieser Ansiedlungsrayon erneut festgelegt, Konzessionen für Handwerker und Bauern verteilt und die Registrierung von Juden sowie die Verweltlichung ihres Erziehungswesens angeordnet.

Zar Alexander II. (1818-1881) lockerte diese antijüdischen Gesetze leicht. Für Privilegierte gab es nunmehr eine Wohn- und Arbeitserlaubnis außerhalb des Rayons. Privilegiert waren zum Beispiel Kaufleute der 1. Gilde, Akademiker und gelernte Handwerker. Nach seiner Ermordung setzten große antisemitische Pogrome ein, von denen zum Teil vermutet wird, dass sie staatlich entfacht waren, um von den inneren Problemen abzulenken.

Verschärfung der Gesetze

Der neue Zar Alexander III. beantwortete die Ausschreitungen mit einer Verschärfung der antijüdischen Gesetze. Dadurch wollte er den Kontakt zwischen Juden und Russen, ein ständiges Konfliktpotenzial, verhindern. Außerdem war er ein Feind der Assimilierung der Juden, die nach seinem Innenminister Ignatiev eine Verschwörungsgefahr war.

Mit den Maigesetzen 1882 wurden die Privilegien aufgehoben. Die jüdische Bevölkerung wurde zwar nicht vom Land vertrieben, aber die Neuansiedlung verboten. Als Reaktion wanderten die Juden in die Städte innerhalb des erlaubten Gebietes ab. Gleichzeitig setzte eine große Auswanderungswelle nach Amerika ein.

Verkleinerung der Siedlungsgebiete

Der amtierende Innenminister Tolstoi setzte die Maigesetze nicht sehr einheitlich und streng um. Es gab immer noch einige Freiheiten für die Juden. Im Frühjahr 1891 allerdings wurden die antijüdischen Gesetze allerdings erneut verschärft: Der Ansiedlungsrayon wurde verkleinert und 20 000 ehemals geduldete Juden aus Moskau vertrieben. Die Auswanderungswelle wuchs. Der russische Staatsmann Pobedonozew sagte 1893: "Die beste Lösung der Judenfrage wäre es, wenn ein Drittel der Juden verhungerte, ein Drittel auswanderte und ein Drittel orthodox würde."

Verarmung und Auswanderung

Das Ansiedlungsrayon erstreckte sich über 15 westliche und südliche Gouvernements und die 10 polnischen Gouvernements. Hier, auf etwa 1/23 des gesamten Zarenreiches, lebten 95,5% der russischen Juden. Da ihnen verboten war, auf dem Land zu wohnen, siedelte die Hälfte aller Juden in den Städten an. Die meisten betrieben Kleinhandel (43,4%) und Gewerbe (34,7%). Durch dieses Überangebot an Dienstleistungen stagnierte die Wirtschaft in den Ghettostädten. Hinzu kamen die hohen Steuern des Zaren auf alle Dinge des jüdischen Lebens und die nötigen Bestechungsgelder zum Schutz vor der Willkür zaristischer Beamter. Die Preise stiegen, die russischen Juden verarmten.

Die Armut und Verfolgung trieb in den Jahren 1881 bis 1914 etwa 1,3 Millionen Juden aus Russland zur Auswanderung, 85% von ihnen gingen nach Amerika. Eine von den 45.000 Juden, die alleine von 1891 bis 1895 auswanderte, war Mary Antin, die ihre Geschichte aufschrieb. (bik)


weiter zur Biografie von Mary Antin

 

Erstellt am 01.05.2001

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