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Bordüre

G ründe für das Scheitern des Roten Wien

Das Rote Wien fand ein schnelles blutiges Ende, als die Bundestruppen eingriffen. Die Austrofaschisten hatten in der Bundesregierung ihren Einfluss gegen die Wiener Kommunalregierung ausbauen können. Allerdings führten auch innere Schwächen zum Ende: Die Arbeiter waren von der SDAP enttäuscht, weil die Partei den Kampf gegen die Austrofaschisten ablehnte. Auch die Kulturpolitik hatte versagt.


Für das Scheitern des Roten Wien sind verschiedene Gründe zu finden. Da waren einerseits die harten Angriffe von außen: Dem konservativen Bürgertum in Wien und Österreich war die sozialdemokratische Kommunalpolitik stets ein Dorn im Auge. Die SDAP hatte ihre Anhänger vorwiegend in der Arbeiterschaft, zum Teil noch bei kleineren Beamten. Doch im Gebirgsland war ein Sozialdemokrat, wie die Kulturhistorikerin Hanna Domandl schrieb, "ein leibhaftiger Gottseibeiuns, der von anderen Dorfbewohnern geschnitten wurde".

Die mangelnde wirtschaftliche und politische Stärke des Bürgertums ließ die religiösen und ständestaatlichen Ideen des Austrofaschismus besonders verlockend erscheinen. Die Austrofaschisten nutzten jede Gelegenheit, das Rote Wien parlamentarisch zu bekämpfen. Die mehrheitlich konservative Bundesregierung hatte in entscheidenden Fragen der Kommunalpolitik, wie der Schul- und Finanzpolitik, dem Mieterschutzgesetz und der Autonomiefrage des Bundeslandes Wien Mitspracherecht. Außerdem war Wien trotz eigener Finanzhoheit stets von Bundesgeldern abhängig. Damit konnte das unliebsame Wien finanziell ausgetrocknet werden. Der sozialdemokratische Gemeinderat reagierte mit Lohnkürzungen, Tariferhöhungen und dem Verkauf städtischer Unternehmen, verschlechterte dadurch aber seine machtpolitische Position.

Innere Probleme

Doch auch innere Schwierigkeiten förderten das Scheitern oder haben es zumindest nicht verhindern können. Die SDAP reagierte mit äußerster Korrektheit auf die indirekten Attacken, um keine weiteren Angriffspunkte zu liefern. Durch diese Defensivpolitik isolierte sich die Partei jedoch von der Solidarität der eigenen Anhänger. Die Kluft zwischen den Parteifunktionären und der Arbeiterschaft vertiefte sich.

Diese Kluft spiegelte sich besonders deutlich auch im Bereich der Kulturarbeit wider. Die Austromarxisten, die sich sehr um die Schaffung einer neuen Kultur und eines "neuen Menschen" bemühten, versuchten ihre Ideen den Arbeitern "einzutrichtern". Diese Versuche waren jedoch nicht sehr erfolgreich.

Realitätsfernes Menschenbild

Das lag auch daran, dass ihre Ideen vom "neuen Menschen" oft realitätsfremd waren. Ein gutes Beispiel war die Rolle der Frau im Roten Wien. Die "neue Frau" sollte jugendlich, angstlos und frei sein. Legere Kleidung und die modernen Bubikopf-Frisur sollten das Aktive und Sportliche betonen. Sie sollte "dem Mann ein Kamerad, den Kindern ein Freund" sein. Die Wirklichkeit war allerdings auch im Roten Wien eher das Los der dreifachen Belastung einer berufstätigen Mutter und Hausfrau. Diese Last sollte zwar durch etliche Hilfen wie Kindergärten, elektrische Haushaltsgeräte und medizinische Beratung erleichtert werden. Doch wurden diese Hilfen meist weit entfernt von den tatsächlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Arbeiterinnen geplant. Im übrigen wurde die Rollenverteilung in der Familie in keiner Weise überdacht. Die Frau sollte weiterhin dem Mann ein "ordentliches Heim" schaffen. Hier zeigt sich die Erziehung und Herkunft der Erfinder des Austromarxismus: Die bildungsorientierte Mittelklasse meinte es gut mit der Arbeiterklasse, doch vergaß sie oft in ihrer Philantrophie eine wirkliche Auseinandersetzung mit den betroffenen Menschen.

Halbheiten

Auch in anderen Bereichen der Kultur zeigten sich Halbheiten, Kompromisse zwischen austromarxistischer Theorie und Wiener Praxis. So sollte dem "neuen Menschen" zwar ein neues, dem bürgerlichen entgegengesetztes Wertesystem anerzogen werden. Wenn der Arbeiter und die Arbeiterin jedoch ins Theater oder zu Konzerten ging, sollten sie sich "entsprechend", nämlich der bürgerlichen Etikette entsprechend fein anziehen. Eine zeitgenössische Kritik lautete, im Automarxismus sei der Proletarier nur ein "missglückte Fotografie des Bürgers".

Im Rückblick ergeben sich weitere Kritikpunkte an der SDAP im Wien der Zwischenkriegszeit: Die Partei habe sich zwar stets gegen ihre "reformistische" Schwesterpartei MSPD in Deutschland abzugrenzen versucht. Doch auch sie habe im Grunde statt Revolutionen nur Reformen gewagt, diese aber im Nachhinein als "demokratischen Weg zum Sozialismus" uminterpretiert. Und die Selbstüberschätzung des Roten Wien als "sozialistische Insel" mit dem Sinnbild des "unangreifbaren" Karl-Marx-Hofes habe zu einer fatalen Blindheit gegenüber dem Austrofaschismus geführt.

Viele Vorwürfe ähneln denen, die der deutschen Sozialdemokratie von der Nachkriegsgeneration gemacht wurde. Auch der österreichische Sonderweg war nicht stark genug, die faschistischen Angriffe abzuwehren. (bik)

 

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Erstellt am 10.08.2000

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