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Bordüre

D ie Geschichte vom Daumen-Lutscher

Konrad, der arme Daumenlutscher, wird für ein an sich harmloses Vergehen hart bestraft. Das deutet sowohl auf die sexuelle Komponente des Lutschens als auch auf Bedeutung für die bürgerliche Gesellschaft, die Triebe zu zügeln.


Diese Episode führt die härteste Repression vor, und zwar gegen das harmloseste Verhalten. Dabei gefährdet oder verletzt das Daumenlutschen des kleinen Konrad nichts und niemand - und trotzdem untersteht er schärfster Sanktion.

Das wird vielfach als sexuelle Anspielung des Daumenlutschens gedeutet. Sexualität, vor allem die kindliche, ist mit einem Tabu belegt. Die Mutter, bei der die Lust nachhaltig ausgetrieben wurde, gibt ihre Sexualverdrängung an ihren Sohn weiter und droht mit dem Abschneiden der Daumen, psychologisch eine Androhung der Kastration, um ihn "auf Linie zu bringen". Von der Härte der Sanktion kann man auf die Anstrengung schließen, die solche Sexualverdrängung gekostet hat. Konrads "Verfehlung" und alles, wofür sie steht, nimmt eine zentrale Stelle im Katalog bürgerlicher Kindersünden ein.

Gesellschaftliches Bild

Das Daumenlutschen kann aber nach Freud nicht nur als sexuelle Tätigkeit verstanden werden, sondern auch simpler und sehr spezifisch als Tröstung, als Ersatz für das Saugen an der Brust nach der Trennung von der Mutter. Und tatsächlich nimmt Konrad den Daumen zur Tröstung, nachdem die Mutter ihn, wohl zum wiederholten Mal, alleingelassen hat. Dass dieses natürliche Verhalten so rigide bestraft wird, lässt sich nicht mehr nur psychologisch erklären, sondern man muss auch den gesellschaftlichen Druck dahinter verstehen. Diese erste und gleichzeitig grausamste Form der Triebunterdrückung bildet sozusagen den Kern aller bürgerlich-autoritärer Sozialisation und führt so zum angepassten, untertänigen Staatsbürger.

Beispielhaft wird hier gezeigt, wie der Konflikt zwischen kindlichen Triebwünschen und elterlichem Verbot zum Konflikt zwischen Trieb und Gewissen verinnerlicht wird. Es ist sozusagen ein verkürztes, aber einprägsames, nahezu modellhaftes Psychogramm der klassischen bürgerlichen Erziehungssituation: Frustration, Ersatzbefriedigung und traumatische Strafangst auf der Seite des Kindes und Lustfeindlichkeit und sadistischer Strafimpuls auf der Seite des Erwachsenen. (bik)


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Erstellt am 07.11.2001

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