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Bordüre

D ie Geschichte vom bösen Friederich

Die sadistischen Zerstörungen des bösen Jungen Friederich werden vom Psychoanalytiker Georg Groddeck als Impotenz-Symbolik im Zusammenhang mit Inzest-Gedanken gedeutet.


Die Geschichten des "Struwwelpeters" wurden im Laufe der Zeit sehr oft psychoanalytisch auseinandergenommen. Besonders hervorgetan hat sich hier der Psychologe Georg Groddeck, der von 1918 bis 1930 mehrere Essays darüber verfasst hat.

Es ist strittig, inwieweit Heinrich Hoffmann die psychologischen Symbole bewusst eingebaut hat. Groddeck selbst schrieb hierzu, während man bei Goethe und Dürer annehmen müsse, dass ihnen die Macht des Unbewussten bekannt war und dieses Wissen in ihr Dichten, Denken und Schaffen haben einfließen lassen, könne man von dem Arzt Hoffmann mit einiger Sicherheit sagen, dass ihn in seinem Denken unbewusste Kräfte geleitet hätten.

Impotenz-Symbolik

Beispielhaft möchte ich hier Groddecks Ausführungen zur Geschichte vom bösen Friederich vorstellen. Dass Friederich Vogel und Hahn tötet, den Käfig zerbricht und der Fliege die Flügel ausreißt, also ziemlich sadistisch ist, deutet er als Impotenzkomplex. Der durch seinen Konflikt mit der Moral getötete Sadismus ist nach Groddecks psychoanalytischen Erfahrung mit die wichtigste Ursache für Impotenz. Je gründlicher diese so genannten perversen Neigungen beiseite geschoben würden, desto sicherer war das Ergebnis: die Unfähigkeit zum Geschlechtsverkehr.

In der sich ständig wiederholenden und scheinbar unmotiviert erscheinenden Treppe sieht Groddeck eine Geschlechtssymbolik. Treppensteigen bedeute Beischlaf und kehre in Träumen, Dichtungen, Zeichnungen und Liebessymbolen der alten Götter immer wieder.

Inzestgedanke

Der Brunnen, aus dem der Hund trinkt, hat nach Groddeck etwas an sich, "was das kindliche Leben besonders angeht": das Urinlassen, ein frappierendes Faszinosum für kleine Kinder - die weiße Flüssigkeit der Milch verwandelt sich in die gelbe des Urins. Der Hund, Bewachter und Schützer des Hauses, steht für den Vater. Er straft schließlich Friederich für die Untaten, die er allen angetan hat.

Doch damit nicht genug: Als der Junge krank im Bett liegt und der Doktor ihm bittere Medizin gibt, sitzt der Hund unten am Tisch und isst. Die Peitsche, Symbol der väterlichen Macht, hat er bei sich. Und der Kuchen und die Wurst auf dem Tisch verweisen auf die Mutter. Sie bereitet die Speisen schließlich zu. Jetzt aber kann nicht das Kind diese Freuden genießen, sondern der Hund, der eigentlich der Vater ist. Der Inzestgedanke liegt implizit nahe.

Folgen des Sadismus

Hoffmann habe nach Groddeck den "Sadismus als Krankheitsursache" in die Geschichte hereingebracht, weil sadistische Neigungen tatsächlich eine große Rolle für unsere Krankheiten spielen: Nicht nur ein Biss ins Bein kann die Folge von Sadismus sein, sondern sogar Impotenz ist zu befürchten. In diesem Fall ist Friederich mit Sicherheit nicht impotent, denn er lebt seine so genannten perversen Neigungen aus. Bestraft werden muss er aber, der bürgerlichen Moral entsprechend, trotzdem. (bik)


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Erstellt am 07.11.2001

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