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Bordüre

D ie gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug

Paulinchen entspricht nicht dem bürgerlichen Ideal des braven Mädchens, deshalb muss sie an ihrer Neugier zugrunde gehen. Nicht Trauer, sondern Schadenfreude soll aufkommen.


Paulinchen ist die einzige weibliche Gestalt in Hoffmanns Buch - Mädchen galten zu seiner Zeit ohne Frage folgsamer als Jungen. Das Mädchen Paulinchen ist allerdings nicht brav. Sind die Eltern weg, ist sie nicht etwa ängstlich - sie hüpft und springt vor Freude. Diese unkontrollierte und lebhafte Motorik wird aber von Hoffmann abgelehnt (vergleiche die Geschichte vom Zappel-Philipp).

Paulinchen wird als leichtsinnig und der typischen Mädchenrolle nicht entsprechend dargestellt. Die Puppe, mit der ein Mädchen zumindest im 19. Jahrhundert spielt, um sich auf ihre künftige Mutterrolle vorzubereiten, wird im Laufe der Geschichte zunehmend uninteressanter und rückt in den Hintergrund.

"Tolles Spielzeug"

Das ganze Interesse von Paulinchen wird vom Feuerzeug angezogen. Zündhölzer waren für Kinder Mitte der 1840-er Jahre noch neu und reizvoll. Paulinchen will ausprobieren, wie die Zündhölzer funktionieren, allerdings wohl weniger, um ihre Mutter nachzuahmen, als vielmehr aus einem Lust-Gefühl, das im Gegenteil zur bürgerlich-utilitaristischen Verhaltensweise jener Zeit stand. Es ist für sie nicht mehr als ein tolles Spielzeug.

Die beiden Katzen warnen Paulinchen vor der Gefahr, sie sind so etwas wie die Stimme ihres Gewissens. Dass die Eltern abwesend sind, stellt das Kind vor eine Bewährungssituation, die zeigt, wie weit die Innensteuerung des Verhaltens schon funktioniert. Doch Paulinchen lässt sich nicht von den Warnungen der Katzen irritieren, sie ist "skrupellos". Die Katzen sind somit, anders als der Hund bei Friederich, zu Macht- und Einflusslosigkeit verdammt.

Heldin muss leiden

Ihr wiederholtes Miau-Mio erinnert an den antiken Chor, wie er auch in Schillers "Braut von Messina" auftaucht. Der Chor, bzw. die Katzen können der leidenden Heldin nicht helfen, denn die Heldin muss leiden, weil sie Schuld auf sich geladen hat, indem sie sich gegen die menschliche oder göttliche Autorität aufgelehnt hat. Durch die Übertragung in das häuslich-familiäre Milieu persifliert Hoffmann dieses klassische Muster. Das Miau-Mio-Geschrei erinnert zudem an Katzenmusik und gibt dem Ganzen eine weitere satirische Note.

Trotz aller Warnungen nimmt das Unglück unweigerlich seinen Lauf, Paulinchen entzündet das Feuerzeug und geht selbst in Flammen auf. Die Strafe ergibt sich bei Paulinchen (ähnlich wie bei Friederich) nicht durch Eingreifen der Eltern, sondern aus dem selbstverschuldeten Geschehen heraus. Paulinchens Zerstörung wird knapp und schon fast lakonisch beschrieben.

Spott statt Trauer

Die letzte Szene, die auf die Tat und die Bestrafung folgt, malt Hoffmann dagegen weidlich aus: Die Katzen tragen Trauerschleifen um ihre Schwänze und weinen in Taschentücher. Auch das stumpfe Versmaß deutet darauf hin: Das Spiel ist aus. Hoffmann betont die Grausamkeit der Bestrafung und beugt damit eventuellem Mitleid vor. Trauer wird verhöhnt, stattdessen soll Schadenfreude aufkommen. (bik)


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Erstellt am 07.11.2001

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