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Bordüre

D er "Struwwelpeter"

Struwwelpeter, die Titelfigur der Hoffmannschen Dichtung, wurde im Laufe der Zeit Synonym nicht nur für unartige Kinder, sondern auch für die Diffamierung politischer Feinde verwendet.


StruwwelpeterDie Bezeichnung "Struwwelpeter" für einen struppig-ungekämmten Burschen war im Rheinfränkischen schon im 10. Jahrhundert üblich. "Frankfurter Struwwelpeter" musste sich Goethe in seiner Leipziger Zeit nennen lassen. Erst Heinrich Hoffmann hat den "Struwwelpeter" allerdings aus seiner mundartlichen Verwendung herausgehoben und ihn zu einem allgemein bekannten Begriff, einem Typus gemacht.

Diese Figur eignete sich bestens für politische Absichten, denn Struwwelpeter, so wie ihn Hoffmann gezeichnet hatte, war ein kleiner Anarchist und Revolutionär. Bereits 1848 adaptierte ihn Dingelstedt in den "Fliegenden Blättern" als gefährlichen Radikalen für eine Satire. Er wunderte sich, dass ein solches Buch, dessen Held "grüne Strümpfe trägt und hiermit Hoffnungen auf die Volkskraft mehr als deutlich bekundet", ausgerechnet in Frankfurt, "unmittelbar unter der Nase des durchlauchtigsten Deutschen Bundes ungerochen" erscheinen konnte.

Struwwelpeter als Michel

Im Jahr 1849 erschien in Düsseldorf "Der politische Struwwelpeter. Ein Versuch zur Einigung Deutschlands" von Henry Ritter. "Der garstige Michel" will sich hier nicht von seinem Hemd mit den 39 Flicken, Symbol für die 39 deutschen Fürstentümer, trennen.

Und auch im Ausland wurde er schon bald als Satire verwendet: "The political Struwwelpeter" 1899 von Harold Begbie, London, nimmt die politischen Zustände im England der Jahrhundertwende aufs Korn. 1914 erschien ebenfalls in London der Struwwelpeter als "Swollen-headed William", hinter der sich eine gepfefferte Kriegspropaganda gegen Deutschland verbarg. Kaiser Wilhelm steht in Struwwelpeterpose auf einem Podest, sein Kopf ist zu einem dicken Ballon aufgeschwollen, und von seinen Händen tropft Blut. In der "Story of Cultured William" tötet Kaiser Wilhelm die Friedenstauben und zerbricht Stühle, die die Inschrift "treaty" tragen.

Erster Weltkrieg

Deutschland reagierte auf diese Satire mit einer eigenen Kriegspropaganda: 1915 erschien "Der Kriegsstruwwelpeter - Lustige Bilder und Verse" von Karl Ewald Olszewski. Jetzt wurden die Entente-Mächte zum Gegenstand der Spottverse: Der serbische Großfürst wird zum Bombenpeter, der russische Großfürst Nikolai ist der böse Friederich, der der Friedenstaube die Flügel ausreißt, und die französische Marianne mit Jakobinermütze entzündet mit dem "Revanche"-Feuerzeug einen Brand, in dem sie selbst umkommt.

Während des Zweiten Weltkrieges kam 1941 in London der "Struwwelhitler" mit gewaltiger schwarzer Haarmähne und blutigen Händen heraus. Bis heute setzt sich die Reihe der "Verstruwwelpeterung" politischer Vorgänge fort: Von Konrad Adenauer ("Konrad, sprach Germania...") über Richard Nixon ("Tricky Dick and his Pals") bis hin zu politischen Wahlkämpfen, z.B. gegen die FDP in Schleswig-Holstein 1977, als Struwwelpeter die Züge von Walter Scheel, Genscher, Brandt oder Wehner trug. "Man gebrauchte die Struwwelpeter-Figur als Folie, hatte es dann leichter, fußend auf ihrem Renomée, den Gegner ins Visier zu bekommen. Das Rezept wird noch heute benutzt: Stell den Gegner auf das Struwwelpeter-Podest und dichte ihm deine Kritik an."


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Erstellt am 04.11.2001

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