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Bordüre

D ie Geschichte vom Zappelphilipp

Der Zappelphilipp ist der Anarchist, der den Konflikt mit der Autorität auf die Spitze treibt und damit scheinbar seine Eltern in den Ruin treibt.


Auch in dieser Geschichte spielt das Essen eine Rolle. Hier ist aber nicht das Essen des Essens wegen wichtig, sondern als Erziehung zum Gehorsam. Dargestellt wird das Ritual der bürgerlichen Mahlzeit in der Kernfamilie: Der Vater ermahnt den Sohn, der sich - nun erst recht - bewusst widersetzt. Hierin unterscheidet Philipp sich von den anderen Kindern im "Struwwelpeter", er rebelliert offen gegen die väterliche Autorität.

Anscheinend ist es bereits ein längerer Konflikt zwischen den beiden, dem die Mutter als Mittlerin nichts entgegenzusetzen hat. Überhaupt ist sie in dieser Geschichte eher schmückendes Beiwerk, spielt eigentlich keine Rolle, was der Minderwertigkeit der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert entspricht, die an familiären Auseinandersetzungen zwar nicht unbeteiligt ist, aber ohne auch nicht direkt eingreift.

Triumphierender Philipp

Der Konflikt zwischen Vater und Sohn spitzt sich zu, die Strenge auf der einen, der Trotz auf der anderen Seite treiben sich gegenseitig an und machen einen Zusammenstoß unvermeidbar. Als Philipp tatsächlich vom Stuhl kippt, zeigt sich in seinem Gesicht aber nicht nur Schrecken. Sein erhobener Kopf und vorgerecktes Kinn drücken auch Triumph aus. Die kleinen Leser des Buches, die im Text als "liebe Kinder" angesprochen werden, sollen sich nicht mit dem "wilden" Philipp identifizieren.

Der Vater ist nun aus der Fassung gebracht, die selbstverständliche Überlegenheit der Erwachsenen ist gestört. Von Philipp ist nicht mehr die Rede, er liegt unter dem Tischtuch wie unter einem Leichentuch. Seine Gefühle oder Schmerzen bleiben ausgeblendet, die Eltern sind die alleinigen Geschädigten. Ebenso bleibt die Strafe unerwähnt, sie bleibt der kindlichen Phantasie überlassen. Die Übertreibung, die Eltern hätten nichts zu essen mehr, macht deutlich, dass der Vorfall für die Zerstörung der gesamten bürgerlichen Ordnung steht.

Der Anarchist

Der Zappel-Philipp symbolisiert den Anarchisten, der an den Grundfesten seiner Eltern rüttelt. Er setzt das, was der Struwwelpeter begonnen hat, ins Extreme fort.

Der Ausdruck "Zappel-Philipp" ist mittlerweile ein psychologischer Terminus für hyperaktive Kinder (ADS), die sich selbst und anderen mit ihrem Bewegungsdrang und ihrer Unfähigkeit zur Konzentration gefährden. Nach möglichen Ursachen für dieses Verhalten, zum Beispeiel fehlende Liebe oder Unglücklichsein, fragt Hoffmann nicht, er verurteilt das "ungehörige" Verhalten nur. (bik)


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Erstellt am 07.11.2001

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