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D ie Gründe für den Erfolg

Entsprach der "Struwwelpeter" in der Mitte des 19. Jahrhunderts dem gängigen Erziehungsmuster, wandelten sich die Gründe für den Erfolg seitdem gründlich. Letztlich ist es heute ein Klassiker. Aber vieleicht war es ja auch von Anbeginn an eine Karikatur?

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Struwwelpeter

Für den lang anhaltenden Erfolg des Kinderbuches von Heinrich Hoffmann gibt es viele Gründe - einige haben ihm in der Mitte des 19. Jahrhunderts erst zur Popularität verholfen, andere haben dazu beigetragen, dass es immer noch so beliebt ist.

Einer der Hauptgründe für den anfänglichen Erfolg wird sein neuartiger Stil gewesen sein. Hoffmann, der schriftstellerische Dilettant, hatte ein neues Genre geschaffen. Zuvor gab es das mit Illustrationen versehene Geschichtenbuch, das Bilder-ABC und die erweiterte Bildenzyklopädie für Kinder. Erst Hoffmann dachte daran, Bilder nicht nur zur Zierde einzusetzen, sondern Text und Bild zu einer Einheit zu verbinden. Die Bilderfolgen konnten auch von einem sehr kleinen Kind wie ein Comic oder ein Stummfilm "gelesen" werden.

Herb-humoristisch

Hoffmann schuf auch stilistisch ein Novum: Waren die traditionellen Kinderbücher entweder sentimental oder lehrreich, so war der "Struwwelpeter" in vielen Augen herb-humoristisch. Die Verse waren so einprägsam, dass einige Teile aus dem Struwwelpeter mittlerweile geflügelte Worte geworden sind, wie Abzählreime, über deren Inhalt keiner nachdenkt. In der Literaturwissenschaft wird Hoffmann wegen dieser Neuerungen auch "Kopernikus der Kinderliteratur" genannt.

Struwwelpeter

Die Käufer des Buches, Eltern und Erzieher, wurden besonders davon angesprochen, dass das Buch scheinbar den verbreiteten pädagogischen Vorstellungen von der bedingungslosen Unterwerfung des jungen Menschen unter den Tugendkatalog der Gesellschaft entsprach. Aber auch die Kinder schienen früh ihren Gefallen an dem Buch zu finden. Sie machten durch die Geschichten Fantasie-Erfahrungen, die ihnen die Erfahrungen am eigenen Leib ersparen konnten. Sie mussten sich aber nicht zwingenderweise mit den kleinen Übeltätern identifizieren, sie konnten meist immer noch sagen: "So böse bin ich ja nicht!"

Heute ein Klassiker

Auch heute noch wird das Buch gekauft, und es sind immer noch Eltern und Erzieher, die es den Kindern geben - heute allerdings weniger, weil die bürgerlichen Erziehungsziele thematisiert werden, sondern vielmehr, um dem Kind ein klassisches Stück deutscher Kinderliteratur zu schenken.

Kinder fühlen sich noch immer von dem Buch angesprochen durch die Surrealität der Hoffmann'schen Figuren, die die Geschichten aus dem direkten Bezug zur kindlichen Alltagswelt herausheben und in den freien Raum einer Fantasiewelt stellen. Dazu tragen die überzogenen, beinah karikierenden Geschichten selbst bei, die altmodische Kleidung und veralteten Settings, aber auch die lakonischen Texte.

Werden Kinder verdorben?

Die Kritik an Hoffmanns "Struwwelpeter" richtete sich, abgesehen von der Kritik am überholten Erziehungskonzept, im Laufe der Zeit immer wieder dagegen, dass die Kinder von den schlechten Beispielen verdorben und erst angeregt würden, die ungehörigen Figuren zu imitieren. Andere Kritiker protestierten gegen die Grausamkeit der Bestrafungen und die Intensität der schreckerregenden Bilder, die sensible Kinder traumatisieren könnten. Der langanhaltende Erfolg des Hoffmann'schen Kinderbuches spricht allerdings für sich.

Struwwelpeter

Doch es gibt auch ganz andere Ansätze: Georg Groddeck, der den "Struwwelpeter" sogar als psychoanalytisches Lehrbuch vorschlug, schrieb, die Leser glaubten, Hoffmann habe ein Kinderbuch gezeichnet, tatsächlich aber habe er eine Geschichte des Unbewussten für die Erwachsenen gemalt. In allen Geschichten agierten die Kinder ganz normal, trotzig und ihre Grenzen ausprobierend, die Eltern sind es, die versagen. Vielleicht, vermutet Elke Heidenreich, hätten sich deshalb so viele Pädagogen immer wieder so erbittert gegen den Struwwelpeter gewandt: Ihr Ideal vom artigen Kind, das nur mit Strenge zu erreichen ist, gerät schließlich bei Hoffmann ordentlich ins Wanken.

Karikatur?

Vielleicht war das Buch tatsächlich als Karikatur auf die bürgerliche Erziehung gemeint? Schließlich hatte sich Heinrich Hoffmann schon in seiner Jugendzeit als Witzbold und Satiriker hervorgetan. In diesem Fall wurde der "Struwwelpeter" allerdings oft und gern missverstanden und genau im konträren Sinne über 150 Jahre lang gebraucht...


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Erstellt am 07.11.2001

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