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Bordüre

V erbote und andere Maßnahmen

Die Nazis verachteten Jazz, konnten aber dennoch nur wenig dagegen unternehmen. Bis auf regionale Verbote mussten sie dem deutschen Volk Freiräume lassen. Statt Verbote versuchten sie es mit einem "deutschen Jazz" und einer verstärkten Kontrolle von Musikern und Musikaufführungen - beides jedoch mit nur mäßigem Erfolg.


Die Nationalsozialisten hatten bereits vor 1933 den "Niggerjazz" angegriffen und bekämpft, wo sie konnten. Für sie war er ein ideales Demonstrationsobjekt für das Fremde, das die deutsche Kultur unterwandert. Jazz entsprach nicht der nationalsozialistischen Ordnung, war individualistisch und international, anarchistisch in den Tönen und demokratisch im Zusammenspiel der Musiker. 1930 sprach sich der thüringische Volksbildungsminister, der Nationalsozialist Wilhelm Frick, für die "Unterbindung" der "Zersetzungserscheinungen" und "fremdrassigen Einflüssen" aus, die "auf fast allen kulturellen Gebieten" zu spüren sei, darunter auch "Jazzband und Schlagzeugmusik, Negertänze, Negergesänge (und) Negerstücke".

Selbst melodischer Swing wurde abgelehnt

So war es nach der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten kein Wunder, dass schon im Herbst 1933 ein Jazzverbot in allen deutschen Jugendherbergen ausgesprochen wurde. Selbst der Swing, der sich ab Mitte der 1930-er Jahre in Deutschland verbreitete, wurde von den Nationalsozialisten abgelehnt, obwohl er doch, im Vergleich zu manchen anderen Jazzstilen wie dem Hot, recht melodisch und konventionell war. Bis 1945 folgten zahlreiche weitere Verbote des Jazzmusik und des Swingtanzes.

"Swingtanzen verboten" und Rundfunkkontrolle

Dass es im Dritten Reich ein reichsweites Jazzverbot gegeben haben soll, ist ein Gerücht, das sich bis heute hält. Die "Swingtanzen verboten"-Schilder in den Tanzsälen, an die sich viele Zeitzeugen erinnern können, wurden zwar von den Gastwirten auf Druck und mit ausdrücklicher Erlaubnis von Berlin aufgehängt. Aber es gab kein allgemeines Verbot.

Das einzige "reichsweite" Jazzverbot galt für den zentralisierten deutschen Rundfunk - und selbst hier hat es bis zum Oktober 1935 gedauert, bis der Reichsrundfunkleiter Eugen Hadamovsky ein "endgültiges Verbot des Niggerjazz für den gesamten deutschen Rundfunk" aussprach:

    "Der Niggerjazz ist von heute ab im deutschen Rundfunk ausgeschaltet, egal in welcher Verkleidung er uns dargeboten wird."

Verbot unfreiwillig selbst unterlaufen

Dieses Verbot wurde allerdings von Hadamovsky selbst unfreiwillig unterlaufen, kaum dass es in Kraft getreten war: In der Sendung "Vom Cakewalk zum Hot" präsentierte Hadamovsky die verbotene Musik in Einzelbeispielen. Eine Königsberger Kapelle spielte die "Niggermusik" jedoch so exzellent, daß die abschreckende Wirkung verpuffte. Statt dessen erfreuten sich etliche Jazzfreunde am Radio.

Trotzdem wurden Sendungen mit guter Jazzmusik im deutschen Rundfunk seltener. Keinen Einfluss hatten die Nazis allerdings auf die ausländischen Rundfunkstationen. Die wurden vor allem im Verlauf des Krieges eine Fundgrube für gute Swingmusik. Doch das Abhören von BBC oder Calais war lebensgefährlich: So genannte "Rundfunkverbrechen", im Volksmund Schwarzhören genannt, wurden drakonisch bestraft.

Kein reichsweites Verbot

Ein reichsweites Verbot des Jazz wäre vermutlich nicht durchzusetzen gewesen: Jazz lässt sich sehr schwer definieren, und der Unterschied zwischen der damals populären Tanzmusik und dem Swing war teilweise gering. Die Leute wollten nach unbeschwerten Schlagern und fröhlicher, swingender Musik tanzen nicht nach Militärmusik. Nach Kriegsbeginn war gute Laune geradezu ein "kriegswichtiger Artikel". So erklärt sich, dass zumindest in der ersten Phase des Krieges nur zeitweilige Tanzverbote ausgesprochen wurden. Gleich nach dem erfolgreichen Ende einer militärischen Aktionwurde das Verbot sehr schnell wieder aufgehoben. Erst nach Stalingrad blieb öffentliches Tanzen bis Kriegsende verboten.

Dazu kam, dass die Nationalsozialisten eine gewisse politikfreie Privatsphäre dulden mussten, um ihre eigene Macht zu festigen. Doch gerade im Privaten blühte der Jazz auf.

Einzelne regionale Vorstöße

Statt reichsweiter Verbote gab es immer wieder einzelne Vorstöße regionaler Nazi-Herrscher. In Hamburg ging man hart vor: Im Juni 1939 wurde ein Verbot des Swingtanzes ausgesprochen, ab 1940 wurden die Jugendlichen, die durch Swingtanz und -Musik auffielen, verstärkt observiert. Ab Mitte 1941 wurde in der Hamburger Gestapoleitstelle sogar ein eigenes Dezernat für die Verfolgung der so genannten Swing-Heinis eingerichtet. Der Gauleiter Weser-Ems versuchte in Bremen ein ähnliches Swingverbot - allerdings ohne Erfolg.

Die Bremer Vorgänge sind ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten der Nationalsozialisten: Trotz aller propagandistischer Hetze hatte Goebbels versäumt, das Verbotssystem zu zentralisieren. Jeder zuständige Regierende handelte nach eigenem Ermessen. Und für den Bremer Bürgermeister Böhmcker war die Verbreitung von Swingtanz und Hot-Musik vermutlich nicht ausreichend, um die "sittliche Moral" zu "gefährden".

"Deutscher" Jazz und verbotene Musik

Statt Verbote mussten die Nationalsozialisten sich etwas anderes einfallen lassen. Ein Mittel, wenigstens die "fremdrassigen Einflüsse" in der deutschen Unterhaltungsmusik auszuschalten, war der Versuch der Nationalsozialisten, einen "deutschen" Jazz zu erfinden. Zahlreiche Wettbewerbe sollten bereits in der Friedenszeit herausfinden, was die "neue deutsche Tanzmusik" ausmachen sollte. Die Nazis verlangtenmehr Melodie und konventionellere Harmonien. Doch die Sieger dieser Wettbewerbe spielten entweder zu jazzig für den Geschmack der NS-Kulturwächter, oder derart verwässert und nichtssagend, dass sie vom Tanzpublikum nicht als Ersatz anerkannt wurden.

Einen anderen Weg, die Musik in Deutschland zu kontrollieren, waren Listen mit verbotener Musik von jüdischen Komponisten oder Interpreten. Neben "Klassikern" wie Felix Mendelsohn-Bartoldy u.a galt die Musik von Benny Goodman, George Gershwin und Irving Berlin ab 1938 als "unerwünschte und schädliche Musik". Doch die Kontrolleure, die die Tanzlokale nach dieser verbotenen Musik durchsuchten, waren nach zahlreichen Zeitzeugen oftmals unmusikalisch. Sie konnten die Jazzstücke nicht erkennen, wenn sie andere Titel trugen. Also schnitten viele Musiker die Notenblattköpfe ab und kündigten die Songs mit deutschen Titeln an. So wurde aus dem beliebten "Tiger Rag" in Bremen der "Schwarze Panther" oder die "Tigerjagd im Bürgerpark". Die Musikschnüffler ließen sich beirren, und die meist jugendlichen Swing-Freunde waren begeistert. (bik)

 

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Erstellt am 04.08.2000

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