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Bordüre

V ereinsleben im Roten Wien

Die sozialdemokratische Kultur Wiens spiegelte sich auch im Freizeitleben wider: Vereine für alle Interessen bemühten sich, Einfluss zu gewinnen. Allerdings nur mit mäßigem Erfolg: Die Arbeiter machten zwar mit, veränderten ihre Grundwerte jedoch nur wenig.


Ein wichtiger Träger der sozialdemokratischen Arbeiterkultur waren auch im Roten Wien die Vereine: Am Ende der Republik gab es dort etwa 50 verschiedene Vereine für alle Interessen: Sozialistische Freidenker, Briefmarkensammler, Esperanto- oder Film- und Fotobegeisterte fanden ebenso ihren Verein wie sozialistische Kleingärtner, Kleintierzüchter, Jäger und Wanderer. Für die zeitgemäße und ganz und gar unkatholische Verbrennung nach dem Tode gab es den Krematoriumsverein "Die Flamme", der 1932 167.000 Mitglieder zählte. Alle Sportarten stählten "den Körper für den Kampf der Arbeiterbewegung" und waren ebenfalls in Vereinen vertreten. Allerdings sollte im sozialistischen Sport das Gemeinschaftsgefühl, nicht der bürgerliche Individualkampf betont werden.

Geselliges Beiprogramm

Alle Vereine verbanden ihre Bildungsarbeit mit geselligem Beiprogramm. Das gesamte private Leben der Parteimitglieder sollte auf diese Weise sozialistisch gestaltet werden. Der Volkskundler Helmut Konrad formulierte das Ziel wie folgt:

    "Im Mittelpunkt der Bildungs- und Kulturarbeit der Arbeiterbewegung stand das Bemühen, ‚neue Menschen' zu formen, eine glücklichere, freiere, partnerschaftlichere neue Generation heranzubilden, jenseits bürgerlicher Doppelmoral und kleinbürgerlicher Zwänge, jenseits dörflich-katholischer Enge und städtisch-neureicher Scheinfreiheit. Von der Wiege bis zur Bahre, vom Wäschepaket für den Säugling bis zur Einäscherung, sollte eine umfassende Alternative zum geltenden Werte- und Normensystem entwickelt werden."

Erfolgreiche Kulturarbeit?

Inwieweit dieses Ziel tatsächlich verwirklicht wurde, ist fraglich. Zwar waren sehr viele Wiener in den Vereinen organisiert, aber sie scheinen nur wenig von der austromarxistischen Theorie beeinflusst worden zu sein:

Bei einer soziologischen Umfrage unter 1320 Wiener Industriearbeiterinnen im Jahr 1932 zeigte sich, dass die Frauen gern an den kulturellen Veranstaltungen teilnahmen. Ihre Einstellungen und Meinungen waren aber noch stark von ihrer Jugend unter der Monarchie beeinflusst. Rudolf Wagner, zeitgenössischer Kritik der Arbeiterbewegung, ahnte 1926

    "die proletarische Masse durchschichtet mit Kulturmoder wie der ganz große Schutthaufen dieser kapitalistischen Unkultur. In den Abfällen kleinbürgerlicher und feudaler Kultur aufwachsend, in den Tandelmarkt alten Wohnkrams, vielfach noch samt den Erziehungsbildern von heiligen und sonstigen hohen Herren, in dem ewigen Hunger nach dem Auchsoleben wie die höheren Klassen, ist dem Proletariat vielfach noch Kleinbürgerkultur die ersehnte, täglich erstrebte und, wo immer nur möglich, nachgeahmte höhere Kultur."

"Zu Hause ist Kleinbürgerwelt"

Und selbst beim Arbeiter, der sich zur sozialistischen Bewegung bekenne, habe sich im Grunde nicht viel verändert: Der Arbeiter werde

    "Gewerkschafter, Parteikämpfer, vielleicht schon Genossenschafter, er wird auch Turner, Sänger, Naturfreund, wird Theater-, vielleicht schon Konzerthausbesucher - aber zu Hause ist Kleinbürgerwelt, ist Vater- und Gattentyrannis, ist Bier- und Spielkartenleben." (bik)

 

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Erstellt am 10.08.2000

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