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J azz in der Weimarer Republik

Der Siegeszug des Jazz in deutschen Großstädten wurde jäh gestoppt, als die Weltwirtschaftskrise kam. Im Rundfunk blieb er weiterhin präsent, provozierte aber auch politisierte Diskussionen darüber, ob Jazz ein Kulturgut sei, dass im deutschen Radio gesendet werden sollte.


Jazzmusik in seinen verschiedenen Formen begleitete die so genannten "Goldenen Zwanziger" auch in Deutschland. Vor allem Berlin, der Inbegriff der Weltstadt in jenen Jahren, lockte zahlreiche ausländische Musiker an. Sie brachten den neusten Jazz in die Berliner Tanzlokale und Kneipen. So führte Josephine Baker Ende 1925 den legendären Charleston in Berlin ein.

Ein weiteres Zentrum des Jazz in der Weimarer Republik war Frankfurt am Main. Dort wurde 1928 sogar eine eigene Jazzklasse am berühmten Hoch'schen Konservatorium eingeführt.

Harte Zeit in Weltwirtschaftskrise

Wenig später jedoch begann mit der Weltwirtschaftskrise auch in Deutschland eine harte Zeit. Das Konjunkturtief war in der Amüsierindustrie und der Musikbranche besonders zu spüren. Noch 1931 waren etwa 3/4 aller Berufsmusiker in Berlin erwerbslos. Das Publikum hatte andere Sorgen als sich zu amüsieren. Tonfilm kam in die Kinos und machte die Kinomusiker überflüssig, und in den Cafés und Bars ersetzte das Radio die Pianisten.

Auch die Schallplattenindustrie lag am Boden. In ihrer Not hielt sie den Rundfunk für den wahren Schuldigen an ihrer Misere. So kam es 1932 zu einem Boykott der Reichsrundfunkgesellschaft durch die wichtigsten Schallplattenverlage: Die bis dahin kostenlose Plattenlieferungen an die Sender wurden beendet, auf den deutschen Radio-Tanzwellen herrschte eine Zeit lang Funkstille.

Frühe politische Diskussionen

Auch gab es bereits früh eine heftige politische Diskussion über den kulturellen Wert des Jazz und darüber, ob diese neue Musik im neuen Medium Rundfunk überhaupt gesendet werden sollte. Dabei gab es durchaus auch posiive Stimmen - wenngleich die Wortwahl der Kritiker ganz ihrer Zeit entsprach:

Im Leipziger "Kulturwillen" von 1929, einem SPD-nahen Monatsblatt, beklagte Heinrich Wiegand den Zustand des Jazz in Deutschland. Was hier gespielt werde, seien nur "schwache, blutarme Nachahmungen" der Synkopen der "genialen Neger" - eine Schande, die auch wieder vergehen werde. Dagegen habe der echte, wahre Jazz seiner Meinung nach eine große Zukunft vor sich mit einer "historisch-politischen Funktion": Die "kulturelle Stärkung des Negertums" durch die Popularität des Jazz verstand Wiegand symbolisch für den Aufstieg der Sklaven und Proletarier. Außerdem vereine der Genuss gerade der Jazzmusik "alle Klassen (...), vom Proleten bis zum Generaldirektor, von der Nutte bis zur Nonne".

Echter Jazz ist unnachahmlich

Die Unnachahmlichkeit des echten Jazz erkannten auch viele deutsche Rundfunkfachleute. So hieß es 1926 in einem Artikel in "Der Deutsche Rundfunk":

    "Die Negermusik, die den Ursprung der Jazzband bildet, ist von einer Kompliziertheit des Rhythmus, von einer harmonischen Sorgfalt, von einem klanglichen und modulatorischen Reichtum, wie ihn die meisten unserer Tanzkapellen einfach nicht aufbringen können."

"Jimmy-Tollheit"

Aber auch negative Stimmen meldeten sich. 1925 beschwerte sich ein Rundfunkhörer aus dem Banat (Deutsch-Rumänien) in einem Hörerbrief:

    "Wenn die ganze Welt schon an der Jimmy-Tollheit leidet, so sehen wir Auslandsdeutschen dennoch nicht ein, warum Deutschland an dieser Tollwut teilhaben muss. Das ist im Versailler Friedensvertrag denn sicher doch nicht enthalten..."

Der werte Hörer verabschiedete sich "mit treudeutschem Gruß".

Dieser und ähnlicher frühen rechten Kritik stellte sich eine Intendantentagung Anfang der 30-er Jahre in Berlin:

    "Der Funkschaffende sieht sich (aufgrund der zahlreichen kontroversen Hörerzuschriften) immer wieder vor die Frage gestellt, soll er moderne Tanzmusik senden oder nicht. Die Antwort sei gleich vorweggenommen. Sie muss auf jeden Fall lauten: Ja, er soll sie senden!"

Politisierte Diskussion

Das Thema war spätestens seit 1925 eindeutig politisiert: Nationalistische Kreise lehnten den Niggerjazz" ressentimentgeladen ab. Die Befürworter führten internationale, tolerante und liberale Gründe ins Feld.

Die Kampagne gegen Jazz war also keine "Erfindung" der Nationalsozialisten. Die Nazis bedienten sich aber einer unterschwelligen Stimmung gegen Neger und auch Juden, die es in konservativen und rechten Kreisen seit dem Kaiserreich gab. Besonders die Farbigen galten ihnen nach der "schwarzen Schmach" als Sündenböcke für das "deutsche Elend nach Versailles" - marokkanische Soldaten waren in den französischen Besatzungstruppen des Rheinlandes nach dem ersten Weltkrieg. Und da Jazz, wie sie meinten, ein "reines Negerprodukt" darstellte, verdammten die deutschkonservativen und nationalistischen Gruppen diese "Unkultur" aufs Schärfste. (bik)

 

weiter zum Dritten Reich bis 1939

 

Erstellt am 05.08.2000

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