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Bordüre

A ntihaltung oder Widerstand?

Die Swingkids gehörten meist zur Generation der Flakhelfer, deren Kindheit und Jugend fast vollständig vom dritten Reich geprägt war. Dennoch waren sie resistent gegen die braune Vereinheitlichung. Daraus wollen einige Wissenschaftler einen Akt des Widerstandes sehen. Die ehemaligen Swingkids selbst wehren sich dagegen - es sei doch nur Spaß gewesen.


Jugendliche der Jahrgänge 1926 bis 1928 wurden in den letzten Kriegsjahren nach dem Reichsarbeitsdienst als Luftwaffen- oder Marinehelfer eingezogen. Obwohl diese Generation fast vollständig im Dritten Reich aufgewachsen war, gab es bei ihnen eine weitverbreitete Anti-Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus. Sie lehnten Hitler-Jugend und die braunen Funktionäre oft entschieden ab. Sie verhielten sich nicht selten alles andere als ideologietreu. So scherten sie sich wenig um die Verbote, mit Kriegsgefangenen zu sprechen oder "Feindsender" zu hören.

Pubertäre Antikultur

Zu dieser pubertären Antikultur gehörte auch sehr häufig eine Swingbegeisterung als Symbol für eine Welt ohne Zwänge. Auch Bremer Jugendliche pflegten diese Antikultur: Bei den Erstappellen auf der Bürgerweide fanden sich nach einigen Aussagen von ehemaligen Flakhelfern zahlreiche "langhaarige Stenze". Sie mussten sich zwar sofort die Haare schneiden lassen, aber die innere Haltung behielten sie. Auf einem Foto, das mir Rudolf Engeln zeigte, versuchten die jungen Flakhelfer, die HJ-Armbinde zu verdecken.

"Nicht einvernehmen lassen"

Mit Zweireiher und Filzhut ausgerüstet, fielen die Jugendlichen in Bremen auf. Auffallen und sich abheben wollten sie auch. Jedoch nicht aus einem wie auch immer gearteten "Widerstandsbewusstsein" heraus. Alle ehemaligen Swing-Jugendlichen, die ich befragt habe, wehrten sich dagegen, eine bewusste politische oder sogar antifaschistische Haltung eingenommen zu haben. Eine Mischung von jugendlichem Trotz und persönlicher Eitelkeit war die Antriebsfeder bei vielen, der Wunsch, anders zu sein. Reinhard Henke, geboren 1921, formulierte es so:

    "Wir haben nicht bewusst gegen die Verbote aufgemuckt. Wir haben nur alles andere als die Musik ignoriert. Und uns die Freiheit genommen, die wir brauchten."

"Nicht alles glorifizieren"

Und Roland Pappier, Jahrgang 1918, sagte:

    "Wir mochten Benny Goodman und hatten keine Lust auf das, was da sonst noch lief. Wir haben uns abgewendet davon, sind in hellem Staubmantel herumgelaufen, also sehr anglophil. Wir wollten uns einfach nicht von der Hitler-Jugend einvernehmen lassen. Das war aber keine Bewegung, man muss das nicht alles glorifizieren. Das war einfach eine Abwehr gegen diese organisierte Jugendbewegung!"

Widerstand oder besser widerstehen

Swing hören oder tanzen war kein Akt des "Widerstandes". Aber die Swing-Boys und Swing-Girls haben dem Nationalsozialismus "widerstanden", soweit sie es konnten und mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen. Sie bekannten sich, wenn auch unbewusst, in einer Zeit der Massenbewegung zur Individualität. Die Liebe zur Swingmusik hat eine "gewisse Grundhaltung" vorbereitet, wie der 1926 geborene Bremer Rudolf Engeln meinte.

In Bremen war das Bekenntnis zur Individualität weniger heikel als in Hamburg. Das heißt nicht, dass die NS-Regierung in Bremen harmloser war. Aber die Swing-Szene war in Bremen weniger offensichtlich oder aufsehenerregend als in Hamburg. Wenn ich meine Interviewpartner und ihre Freundeskreise hochrechne, komme ich auf etwa 150 Jugendliche, die in den dreißiger und vierziger Jahren in Bremen als "Swing-Heinis" gelten konnten. Bei einer Razzia auf einer Hamburger Party 1941 wurden fast 500 Jungen und Mädchen festgenommen. Dort wurden allerdings auch entfernte, im heutigen Jargon "Sympathisanten" hinzugezählt, und nach oben aufgerundet, um in Berlin einen guten Eindruck zu machen.

"Wider die Verwahrlosung der Jugend"

Warum waren die Swing-Jugendlichen eigentlich so "gefährlich" für die Nationalsozialisten? Einmal waren ihnen die lockeren, undisziplinierbaren Tanzbewegungen des Swings suspekt. Sie förderten die Erotik und Sinnlichkeit, die von den prüden Nationalsozialisten abgelehnt wurden. Einer der meistgenannten Vorwürfe gegen die Swing-Jugendlichen lautete "sexuelle Ausschweifungen". Dazu kam nach Kriegsbeginn die Vorliebe der Swingkids zu England und Amerika. Die Nazis verdächtigten sie, "Agenten" der Alliierten im Reichsinneren zu sein.

Außerdem waren den Nationalsozialisten klar, dass sich diese Jugendlichen von der NS-Ideologie distanzierten und sich nicht in die Volksgemeinschaft eingliedern lassen wollten. Die Individualität, die im Jazz zum Ausdruck kommt, passte nicht zu der von oben verordneten Jugend- und Massenkultur. Die Machthaber befürchteten eine Signalwirkung für das ganze Reich. Und sie fürchteten eine Ausweitung der "Verwahrlosung der Jugend". Goebbels machte sogar den Jazz für die Kriegsmüdigkeit der jungen Generation verantwortlich. (bik)

 

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Erstellt am 04.08.2000

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