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Bordüre

W ohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Wohnungssituation in Wien katastrophal: Die Mietskasernen waren überfüllt, die Vermieter hatten durch einen restriktiven Mieterschutz keinen Anreiz, neue Häuser zu bauen, gleichzeitig wurde viel neuer Wohnraum nötig.


Besonders katastrophal war die Wohnungsnot in Wien: Schon vor dem Krieg gab es kaum freie Wohnungen. Im Laufe der Industrialisierung waren große Mietskasernen entstanden, deren ornamentale Fassaden von der schlechten Innenausstattung ablenken sollten.

Bereits zwischen 1870 und 1900 wurde in liberalen Kreisen viel über Wohnen für die unteren Klassen diskutiert. Ein Ergebnis waren die Wohnanlagen Stiftungshof (1896) und Lobmeierhof, beide von privaten Stiftungen errichtet, um begrünte Höfe herum gebaut und mit Gemeinschaftseinrichtungen. Die Miete für Wohnungen in diesen Gebäuden lagen 10 Prozent unter der üblichen Miete. Das war bereits ein Fortschritt gegenüber den Bassenawohnungen und wurde wegweisend für die Kommunalpolitik der SDAP.

Genossenschaftswohnungen

Ebenfalls bis 1900 schufen Arbeitergenossenschaften in gemeinschaftlicher Eigenleistung Abhilfe für die Wohnungsnot. Aber das lag nicht im Interesse der Sozialdemokraten. Für die SDAP war die proletarische Wohnsituation im Kapitalismus - getreu Lenins Dogma - ein Nebenwiederspruch, der sich in den erwarteten allgemeinen sozialen Umwälzungen lösen werde. In Wien zwang die extreme Wohnungsnot nach dem Krieg die Sozialdemokraten jedoch, sich eher mit dem Problem zu beschäftigen.

Um nämlich erst einmal ein Dach über dem Kopf zu haben, bauten einige tausend Arbeiter auf öffentlichem Land an der Peripherie der Stadt ihre Hütten. Einige dieser Siedlungen entwickelten sich mit Hilfe von Gewerkschaften und Kooperativen zu permanenten Gartenstädten. Die SDAP beobachtete diese Entwicklung misstrauisch. Sie vermutete darin kleinbürgerliche Aspirationen des Proletariats. Und als ehemalige Soldaten leerstehende Häuser besetzten, sprachen die Sozialdemokraten sogar von "wilden Umtrieben". Die Partei musste sich endlich um das Wohnproblem kümmern, bevor die Arbeiter das Problem anarchistisch selbst in die Hand nahmen.

Verschlimmerung nach dem Krieg

Während des Ersten Weltkrieges kam der private Wohnungsbau, aber auch die Instandhaltung bestehender Wohnungen, praktisch zum Stillstand. Nach dem Krieg wurden noch mehr Wohnungen benötigt, obwohl die reale Einwohnerzahl etwas zurückging. Das hatte mehrere Gründe: Immigranten aus den ehemaligen Reichsgebieten kamen in Familien, während Auswanderer zum Beispiel in die USA oft allein gingen. Außerdem stieg die Hochzeitsrate vor allem in den ersten Nachkriegsjahren um 50 bis 90%.

Hinzu kamen die Auswirkungen des Mieterschutzgesetzes, das der Kaiser noch 1917 erlassen hatte: Danach wurden die Mieten auf den Vorkriegsstand eingefroren und ein strikter Kündigungsschutz eingeführt. Dieses Gesetz war nach dem Volkskundler Gottfried Pirhofer eine

    "volkswirtschaftliche Rationalisierung, eine Umverteilung der Profite der Rentiers auf die Kriegswirtschaft, die trotz gestiegener Lebensmittelpreise und allgemeiner Inflation bei möglichst niedrigen Löhnen funktionieren musste."

Soldaten protestierten

Außerdem musste die Monarchie Proteste von heimkehrenden Soldaten wegen der inflationsbedingt gestiegenen Mieten befürchten. Robert Danneberg, einer der Väter der sozialdemokratischer Wohnungspolitik, charakterisierte 1921 diese Situation wie folgt:

    "Die Hausherren wären die ärgsten Kriegsgewinner gewesen, wenn nicht ein staatliches Machtwort ihrem Treiben Einhalt geboten hätte. Dass der Krieger da draußen im Felde für das Vaterland seine geraden Glieder oder gar das Leben einbüsst, und indessen daheim sein Weib und seine Kinder vom Hausbesitzer auf die Straße gesetzt werde, wäre vor allem vom Standpunkt der Kriegsführung aus unerträglich gewesen. Die Mieterschutzverordnung, welche die Bevölkerung vor willkürlicher Kündigung und Zinssteigerung schützt, war eine Selbstverständlichkeit."

Was für die Hauptmieter ein Vorteil war, wurde für die Untermieter und Bettgeher zum Nachteil: Eine Arbeiterfamilie musste niemanden mehr aufnehmen, um die Miete aufzubringen. Vor allem alleinstehende junge Männer und Frauen waren davon betroffen und suchten Wohnungen - oft vergeblich. (bik)

 

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Erstellt am 10.08.2000

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