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Bordüre

W ohnraumprogramme des Roten Wien

Um der herrschenden Wohnungsnot zu begegnen, forderten die Sozialdemokraten eine Umverteilung des Wohnraumes. Zusätzlich schufen sie große Wohnblöcke nach modernen Gesichtspunkten. Die Wohnungen wurden nach einem Punktesystem vergeben. Doch der Raum reichte immer noch nicht.


Das wichtigste kommunale Ziel der Sozialdemokraten war es, Wohnraum zu schaffen. In der Stadt wuchs die Zahl der Obdachlosen und überfüllten Notbaracken nach dem Krieg. (Zur Geschichte der Wohnungsnot siehe auch Wohnnot.)

Erster Schritt war das 1919 geschaffene Wohnanforderungsgesetz, das ab 1921 auch auf nationaler Ebene galt. Staat und Gemeine griffen ein, damit Fehlbelegungen vermieden wurden. Große Wohnungen von alleinstehenden Personen, leere Kasernen und Hotels konnten von der Gemeinde "angefordert" und an Obdachlose und Bedürftige vergeben werden. Bis 1925 wurden auf diese Weise 44.800 Wohnungen neu belegt. Dann wurde das Bundesgesetz außer Kraft gesetzt.

Aktiv neuen Wohnraum schaffen

Doch die Neuverteilung reichte nicht aus. Der Staat musste aktiv neuen Wohnraum schaffen. Nachdem das Bundesland Wien souverän wurde, eigene Steuern erheben konnte und Anspruch auf Bundesgelder hatte, konnte die Gemeinde dieses Ziel in Angriff nehmen.

Das Mieterschutzgesetz von 1917, das die Mieten auf Vorkriegsniveau festschrieb, hatte Vorteile für die sozialdemokratische Politik: Haus- und Grundeigentum lohnte nicht mehr für private Bauherren, die Stadt konnte als einzige Interessentin preiswert Land und Baumaterial kaufen. Es gab allerdings nie ein Enteignungsgesetz, die Stadt musste in "Lücken" bauen. Die Ringstraße und die inneren Bezirke blieben dadurch großbürgerlich-adelig geprägt.

Im September 1923 beschloss der Gemeinderat ein Wohnprogramm für zunächst 25.000 Wohnungen in den nächsten fünf Jahren. Bereits 1927 konnte ein zweites Programm für 30.000 Wohnungen in Angriff genommen werden. Bis 1934 entstand auf diese Weise 58.667 Wohnungen in 384 größeren Wohnanlagen und 5257 Einfamilienhäuser, Wohnraum für insgesamt 220.000 Menschen.

Festungen oder Superblocks?

Die Großwohnanlagen wurden wie Festungen um Höfe herum gebaut. Die Gegner der Sozialdemokraten befürchteten, dass die Partei die "Superblocks" bewusst in überwiegend bürgerliche Bezirken erbaute, um die Wahlergebnisse dort zugunsten der SDAP zu beeinflussen. Später, als das Klima in der ersten Republik militanter wurde, vermuteten die Feinde, dass die Lage bewusst entlang von Eisenbahnlinien und nahe Brücken gewählt worden war. Die festungsartigen Gebäudekomplexe mit ihren riesigen Innenhöfen seien gut geeignet zur Verteidigung und zum Exerzieren der Schutzbund-Truppen. Tatsächlich übten sie dort im Februaraufstand 1934. Dennoch waren die Standorte nicht bewusst gewählt, sondern waren bedingt durch ökonomische Zwänge wie verfügbarer Platz und Kosten.

Das Leben auf den Höfen gestaltete sich allerdings nicht so, wie es sich die Austromarxisten erträumt hatten.

Hauptsache Wohnraum

Eine neue Definition von Arbeiterwohnung wurde nicht versucht. Wichtiger war, Wohnraum für die Massen zu schaffen. Durch arbeitsintensiven Ziegelbau und Holz, das auch im Winter verbaut werden konnte, sollten gleichzeitig die Arbeitslosenzahlen beeinflusst werden.

Vergeben wurden die neuen Wohnungen nach einem Punktesystem: Eine schlechte früheren Wohnsituation, körperliche Gebrechen oder Kinder brachten "Pluspunkte". Auch wem von seinem Vermieter gekündigt wurde, hatte große Chancen auf eine Gemeindebauwohnung. Da besonders häufig aktiven Sozialdemokraten gekündigt wurde, setzte sich in den Wohnanlagen eine starke sozialdemokratische Präsenz durch. Die Wartelisten für die Gemeindebauten waren lang, da die Wohnungen sehr begehrt waren Und wer einmal eingezogen war, zog so schnell nicht mehr aus.

Mehrheit blieb in "Zinskasernen"

Doch selbst die mehr als 60.000 Wohneinheiten reichten nur, um die größte Not abzuwenden. Nach einer soziologischen Studie von 1932 lebten nur zehn Prozent der Industriearbeiterinnen in den Gemeindebauten. Die Mehrheit musste weiterhin in den "Zinskasernen" wohnten.

Die Finanzierung der Wohnprogramme und der anderen Fürsorgemaßnahmen war eine kleine Revolution, die den Wiener Sozialdemokraten verhältnismäßig gut gelang. Gleichzeitig steckte hier bereits eine der Schwächen des Rote Wien. (bik)

 

weiter zur Finanzierung des Roten Wien

 

Erstellt am 10.08.2000

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