"Aus dem Lot"

Rezension des neuen Buches von Heinz-Christian Wilkens

(erschienen im Onlinemagazin Bremer Zeitkultur, 01.10.2002)


Eine junge Frau wird nach einem Unfall auf die Intensivstation eingeliefert, wo sie sieben Monate lang im Koma liegt. In dieser Zeit wird Oberarzt Dr. Hans Templer unverhofft zum Stellvertreter des Chefarztes befördert, was den Neid einiger Kollegen hervorruft. Eines Tages wird bei einer Routine-Untersuchung entdeckt, dass die komatöse Patientin schwanger ist, jemand muss die hilflose Frau sexuell missbraucht haben. Die Suche nach dem vermeintlichen Täter beginnt. Dr. Templer muss sich um die neugierige Presse kümmern, dem Kriminalkommissar zuarbeiten und nebenbei noch sein eigenes Leben in den Griff kriegen. Hinzu kommen ethische Bedenken: Hätte die junge Frau das Kind ausgetragen, wenn sie sich frei entscheiden könnte? Können und sollen die Ärzte das künstliche Leben der Mutter zugunsten des Kindes aufrecht erhalten? Eine heikle Situation, die sich gegen Ende unerwartet zuspitzt.

Arzt-Roman oder nicht?

Ich gebe es ehrlich zu - Arzt-Romane sind nicht so mein Ding, habe noch nie eines dieser Hefte in die Hand genommen und gedenke es auch nicht so bald zu tun. Aber nach der Lektüre des Buches "Aus dem Lot" frage ich mich, ob das überhaupt ein Arzt-Roman war. Der erste Roman von Dr. Heinz-Christian Wilkens spielt zwar vor allem in einer Klinik, und Protagonist ist ein Arzt. Allerdings ist es auch irgendwie ein Krimi, der (entfernt) an Henri Mankells Kommissar Wilander erinnert - oder ist es doch eher ein Liebes-Roman, der die Gefühle und Probleme zwischen zwei erwachsenen Menschen (manchmal ein wenig hölzern) schildert?

Ähnliche Probleme hatten wohl auch die Lektoren verschiedener Verlage, denen der Autor, der in Langwedel bei Bremen eine Praxis betreibt, das Werk vorlegte. Erst der Bremer Hauschild-Verlag, der zuvor bereits Wilkens' Erinnerungen "Bei Vadder an Bord - eine Kindheit auf dem Binnenschiff", veröffentlicht hatte, traute sich und nahm das Buch zwischen den Genres ins Programm auf - mit Erfolg, wie sich mittlerweile gezeigt hat, denn das Werk erscheint nach knapp zwei Jahren bereits in der zweiten Auflage.

Erlanger Baby

Die Idee zu dem Buch bekam der Arzt und Psychotherapeut Wilkens durch das so genannte "Erlanger Baby", das 1992 in die Schlagzeilen geriet: Der Fall des Kindes, das von seiner komatösen Mutter ausgetragen wurde, hatte damals heftige ethische Diskussionen ausgelöst. Wilkens, selbst zeitweise Stationsarzt auf einer Intensivstation und heute noch Leiter einer Balint-Gruppe (Weiterbildungsgruppe für Ärzte), kennt die moralischen Debatten, die Mediziner und Pflegepersonal immer wieder in ähnlichen Extremsituationen führen: "Wann reanimieren wir, wann stellen wir die Geräte besser aus, wann ist eine Abtreibung gerechtfertigt, wann spielen wir den Lieben Gott, das sind Fragen, die immer wieder auftauchen und für die in der Ausbildung von Ärzten kaum Zeit ist."

Aber Wilkens lag noch mehr am Herzen: "Ich wollte auch zeigen, wie der Klinik-Apparat funktioniert, in welchen Loyalitätskonflikten das Personal steckt, welche gruppenpsychologischen Zwänge auch dazu führen können, dass ich meinen eigenen ethischen Standpunkt gar nicht vertreten kann." So führt der Autor den Leser in die Abgründe des Arbeitslebens, wo gemobbt und taktiert wird - vielleicht ähnlich wie in anderen Berufen, doch in einem Krankenhaus, wo es um Leben und Tod geht, mit einer anderen Dimension.

Fiktiv und autobiographisch

Der Roman ist zwar rein fiktiv, wie der Langwedeler Arzt und Autor zahlreicher vor allem medizinischer Artikel auch im Vorspann betont. Dennoch steckt in Templer auch Wilkens - "zu etwa 30 Prozent". So finden sich detaillierte, allerdings etwas ablenkende Schilderungen der italienischen Stadt Pisa im Roman - der Ort, an dem auch Wilkens Teile seines Medizin-Studiums absolvierte. Auch andere Episoden aus dem Studium oder der Kindheit wirken sehr realistisch-autobiographisch.

Dass der "absolute Maigret-Fan" (Wilkens über Wilkens) das Ganze in eine Kriminalhandlung verpackte, ist schließlich ebenso logisch. Um es vorweg zu nehmen: Der Täter wird am Ende gefasst, das Rätsel gelöst - und dennoch bleibt der Leser nach 405 Seiten ein wenig verloren zurück, denn im Gegensatz zum Kriminal- und Arztroman ist der Liebesroman noch lange nicht beendet. "Ich hatte noch hundert Seiten mehr geschrieben, doch die hat der Lektor herausgekürzt", rechtfertigt Wilkens das etwas abrupte Ende. Eine Fortsetzung sei zwar derzeit nicht geplant, aber die letzten hundert Seiten des Manuskripts habe er noch fein säuberlich auf der Festplatte seines Computers gespeichert - für den Fall der Fälle.

Heinz-Christian Wilkens, "Aus dem Lot", Hauschild-Verlag, 
ISBN 3-89757-058-0, der Preis: 20 Euro (bik)

 

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