Massenkuscheln in Pferdekutschen

Auf dem Freimarkt tummeln sich wieder 400 possierliche Nager in einer echten Mäusestadt

(erschienen im Onlinemagazin Bremer Zeitkultur, 15.10.2002)


Bremen. Ist die Katze nicht im Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch... Dieses Sprichwort stimmt in den kommenden Wochen wohl nirgends besser als in der Mäusestadt von Gilbert Nielsen jr. auf dem Bremer Freimarkt. Denn hier tummeln sich etwa 400 weiße, schwarze, graue und braune Mäuse in einer Glasvitrine und haben ihren Spaß - und das Publikum hat den ihren an der wohl kleinsten Attraktion des größten Volksfestes Bremens.

Balanceakt überm Abgrund

Ein abwechslungsreiches Leben führen die Nager auf etwa acht Quadratmetern. Durch eine Glasscheibe gut geschützt vor neugierigen Kinderhänden und ängstlichen Damenbeinen, treiben sie sich in einer liebevoll gestalteten Welt aus "mausgerechten" Playmobil-Spielzeugen herum. Eine riesige Ritterburg mit Zugbrücke lädt zu Abenteuern ein, ebenso die Berglandschaft mit Kirche, der Leuchtturm, das Piratenschiff oder das Flugzeug. Das zu erklimmen erfordert allerdings sehr viel Mut, denn der Weg nach oben führt über ein nur schmales Seil. Das geht nicht allein mit den vier Füßchen, da muss auch der Schwanz kräftig mitarbeiten, um die Balance nicht zu verlieren - und wehe, es gibt Gegenverkehr. Wer von dieser sportlichen Anstrengungen nicht genug hat, der kann sich gleich ins Hamsterrad begeben, um weitere Kondition zu tanken. Zum kuscheligen Chill-out lädt die Pferdekutsche ein, die eigentlich wegen Überfüllung geschlossen werden.

Relikt aus alten Zeiten

In der Glitzerwelt, wo jedes Jahr wieder neue Fahrgeschäfte mit "Noch höher, noch schneller, noch lauter" aufwarten, mutet die Mäusestadt ein bisschen wie ein Relikt aus vergangener Zeit an, als es noch einen Flohzirkus auf dem Freimarkt zu bewundern gab, die bärtige Dame oder den stärksten Mann der Welt. Und tatsächlich haben solche Mäuseschauen in den Niederlanden seit fünf bis sechs Jahrzehnten Tradition, erzählt Gilbert Nielsen. Er selbst ist zu seinen Nagern allerdings erst vor einem Jahr gekommen - als Zusatz zu seinem fahrenden Süßwarengeschäft. Aber so fern lagen ihm Tiere denn auch nicht: Immerhin traten seine Großeltern einst beim Zirkus als Dompteure auf.

Bei der Auswahl der Tiere hat der Schausteller nicht nur die possierlichen weißen Mäuse mit ihren witzig in die Welt schauenden Knopfaugen genommen. Auch schwarz-weiße, gefleckte, braune, graue oder goldfarbene Mäuse sind dabei. Allerdings handelt es sich ausschließlich um weibliche Tiere, denn männliche Mäuse würden ständig versuchen, ihr Revier zu verteidigen. Ein friedliches Zusammenleben wäre dann in der Vitrine nicht möglich.

Hygiene oberstes Gebot

Gewöhnt haben sich die Tiere inzwischen an die tägliche Prozedur, die nötig ist: Hygiene ist nämlich das oberstes Gebot, zumal die Mäuse anspruchsvoll sind. Jeden Tag muss die Vitrine gesäubert werden. Durch eine Trennwand kann Gilbert Nielsen seine "Belegschaft" erst in die eine und dann in die andere Hälfte der Vitrine schieben. So kann er jeweils die andere Hälfte säubern. Auch die Trinkflaschen werden tagtäglich ausgebürstet, und das Playmobil-Spielzeug muss ebenfalls jeden Tag ausgeräumt und gründlich abgewaschen werden.

Bei der Vielzahl der Tiere bleibt es natürlich nicht aus, dass die eine oder andere Maus einmal schlapp macht. Das Krankenhaus bei den Nielsens besteht aus einem umfunktionierten Aquarium. Darin werden die Patienten wieder auf Vordermann gebracht. Wärmelampe, Mineralwasser und Kamillentee haben sich als Patentrezept herausgestellt, verschnupfte oder erkältete Mäuse möglichst schnell wieder gesund werden zu lassen.

Leckerbissen für die Nager

Gilbert Nielsen weiß, wie wertvoll seine Mäuse sind. Aus diesem Grunde verwöhnt er sie auch: Johannisbrot, Mais oder eine spezielle Gemüsemischung sind wahre Leckerbissen für die Nager. "Sie sollen sich eben wohlfühlen", verpflichtet er sich. Streicheleinheiten brauchen sie allerdings nicht, die Mäuse fühlen sich sehr viel wohler, wenn sie unter sich sind und aufeinander gestapelt ein Nickerchen halten, um ihre Schwänze trotz der Hektik des Freimarktes genüsslich baumeln zu lassen. (bik)

Externe Links:

 

Hier geht's zurück zum Überblick Bremer Zeitkultur