Der 11. September 2001 als vertane Chance?

Stavros Mentzos und seine Theorie der psychosozialen Funktionen des Krieges wird auch an der Bremer Universität gelesen

(erschienen im Onlinemagazin Bremer Zeitkultur, März 2003)


Bremen. Zurzeit schaut wohl die gesamte Welt nach Washington und New York: Wird es Krieg gegen den Irak geben? Werden sich die USA auch gegen den Willen der Vereinten Nationen durchsetzen? Und was würde ein Einmarsch in den Irak überhaupt bringen? Auch an der Bremer Universität beschäftigt man sich mit dem Thema, allerdings nicht nur bei den Politologen oder Ökonomen, auch bei den Psychologen: Denn neben handfesten politischen, taktischen und wirtschaftlichen Überlegungen spielen immer auch psychosoziale Faktoren eine Rolle beim Krieg. Das zumindest hat Stavros Mentzos, international renommierter Psychoanalytiker, 1993, also nach dem ersten Golfkrieg beschrieben. Im Jahre 2003, im Schatten eines drohenden erneuten Irak-Krieges, setzten sich Christina Umbach und Lisa Kieselhorst, beide Psychologie-Studentinnen im 8. Semester, mit diesen Theorien auseinander. Für ihre mündliche Prüfung bei der Bremer Psychologie-Koryphäe Professor Rolf Vogt lasen sie das Mentzos-Buch "Der Krieg und seine psychosozialen Funktionen" auseinander - und fanden erschreckende Aktualitäten.

Narzisstische Kränkung

"Dieser Mann hat versucht, meinen Daddy zu töten", wird George W. Bush zitiert, wenn es darum geht, warum er Saddam Hussein unbedingt ausschalten will. "Dieses Zitat beweist, wie sehr auch individuelle, biografisch bedingte Gründe in einen Krieg hineinspielen", sagt Christina Umbach (26). "Die narzisstische Kränkung ist hier sehr schön zu sehen", bekräftigt Lisa Kieselhorst (24). Doch gerade solche psychologischen und psychosozialen Gründe würden ihrer Meinung nach in der aktuellen Diskussion viel zu wenig beachtet, obwohl laut Mentzos hier auch Möglichkeiten zur Prävention eines Krieges lägen.

Zunächst jedoch stellt Mentzos fest, dass es für die Machthaber und die Bevölkerung beider Konflikt-Parteien stets Faktoren gibt, die ihre Kriegsbereitschaft mindern, und solche, die sie steigern. "Die Machteliten haben natürlich Angst vor materiellen Verlusten und politischen Risiken, aber auch vor narzisstischen Verlusten", erklärt Christina Umbach an einem Beispiel: "Die deutschen Machteliten nach dem Ersten Weltkrieg fühlten sich in ihrem Selbstwert gleich doppelt beschädigt, weil sie den Krieg verloren hatten und weil sich die alte Weltordnung durch die zunehmende Macht der Industriearbeiterschaft veränderte." Auf der anderen Seite verspricht ein Krieg auch materielle Profite und einen verlockenden Machtgewinn.

Ambivalente Kräfte

In der Bevölkerung wirken ähnlich ambivalente Kräfte: Realistische Todesangst, Tötungshemmung sowie begründete Verlustängste sprechen gegen eine Kriegsbereitschaft. "Ein Krieg birgt allerdings auch Positives für die beteiligten Menschen, er stärkt die innere Struktur und gibt oft ein Wir-Gefühl, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu einer Nation", erläutert Christina Umbach. "Und wenn diese Wir-Gruppe verletzt wird von einem äußeren Feind, ruft das Rache-Gefühle hervor."

Ein wichtiger Punkt für Mentzos ist das Zusammenspiel von Führer und Nation, wie Lisa Kieselhorst erklärt: "Der Führer fühlt sich allmächtig, wie ein kleines Kind, und das Volk identifiziert sich damit, weil es sich selbst als ohnmächtig empfindet. In gewissen Maßen ist diese idealisierte Identifikation normal für die Entwicklung jedes Menschen. Problematisch und gefährlich wird es nur, wenn die Masse ein regressives Arrangement mit dem Größenwahn des Führers eingeht."

Aggression kein angeborener Trieb

Anders als Siegmund Freud hält Mentzos die Aggression nicht für einen angeborenen Trieb und Krieg auch nicht als Folge der Aggression. Die Aggression ist vielmehr ein Instrument des Krieges, das erst künstlich durch Propaganda erzeugt werden muss, sagen die beiden Psychologie-Studentinnen: "Da werden aggressive Gefühle auf einen äußeren Feind übertragen, also externalisiert. Gefährlich wird es, wenn diese Externalisierung auf einen tatsächlich Bösen wie Saddam Hussein zielt, denn dann kann man die Projektion nicht so einfach aufdecken", wissen Kieselhorst und Umbach. "Damit wird eine realistische Einschätzung der Situation verhindert. Es heißt nur noch, Saddam muss weg, aber ob das Problem damit tatsächlich gelöst sei, fragt niemand mehr."

In diesem Sinne agieren die USA derzeit nach dem simplen Rache-Muster, was Mentzos in der 2. Auflage seines Buches von 2002 bedauert: "Er schreibt, der 11. September 2001 hätte die Chance gegeben, etwas zu verändern im Umgang der Nationen untereinander, aber die Chance wurde nicht genutzt", so Lisa Kieselhorst.

Präventionsmöglichkeiten

Dennoch deutet Mentzos - kurz, aber immerhin - einige Präventionsmöglichkeiten für einen Krieg an: Kurzfristig müsse die Weltöffentlichkeit informiert und mobilisiert sowie politischer Druck auf die Kriegstreiber ausgeübt werden. Wenn die Masse aufgeklärt werde über die psychosozialen Dynamiken, so senke das mittelfristig ihre Verführbarkeit, so der Psychoanalytiker. Und langfristig nütze nur eine veränderte Gesellschaftsstruktur etwas, in der jedes Individuum sich voll entfalten könne, ohne einen äußeren Feind oder einen starken Führer zu benötigen.

Auch wenn dieses Ziel eher unwahrscheinlich erscheint, empfehlen Kieselhorst und Umbach die Lektüre des Buches auch für Nicht-Psychologen: "Mentzos nennt unglaublich viele Aspekte des Krieges. Und indem er individuelle psychische Krankheitsbilder auf ein Kollektiv überträgt, eröffnet er eine neue Sichtweise auf das sehr komplexe Zusammenspiel von Politik und Psychologie."

Lesetipp: Der Krieg und seine psychosozialen Funktionen von Stavros Mentzos, Vandenhoeck & Ruprecht 2002, ISBN: 3525014694 (bik)

 

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