Poetry on the road

Eine lyrische Rezension

(erschienen im Onlinemagazin Bremer Zeitkultur, im Mai 2003)


Zum vierten Mal wurde Bremen jetzt zum "Freihafen für Poesie" - beim Internationalen Literaturfestival "poetry on the road" gastierten 21 Autoren aus mehr als einem Dutzend Länder in der Hansestadt. Vom 16. bis 19. Mai lasen, rezitierten, sprachen und - ja, manchmal sangen und sprangen sie auch an den verschiedensten Orten in der Stadt und faszinierten wieder ein breites Publikum mit der Macht der Worte. Birgit Köhler war bei der Eröffnungsveranstaltung im Schauspielhaus und in der Kultourbahn - und ließ sich bei ihrer Rezension inspirieren...

Manchmal ist es leichter ein Gedicht zu schreiben als eine Kritik über Gedichte... (Ein Zyklus)


I


Worte
wohlklingende Laute
Schrille Töne
Sperrige Bilder
Bedenkliche Sätze
Poesie ist angesagt
In Theatern und Straßenbahnen
In Schulen und Museen
Ein wenig Wahlkampf vorweg
"Kultur ist nicht nur Sahnehäubchen"
Sagt die Staatsrätin freundlich
Dann übernehmen die wahren Worte
Die Bühne


II


Ein methodischer Volker Braun
Berichtet von seiner alten Heimatstadt
"Mein Spott ist Spätlese
aus den Tiefen meiner Seelenlage"
Der "Viertel-Dissident" bleibt kritisch
In alle Richtungen
"Jetzt hast du alles, was du nicht brauchst"
Dann leichter weiter
Obwohl ebenfalls vergangenheitsschwer:
Frieda Hughes, mit bekanntem Namen
und melodischer Sprache,
über geburtsunfreudige Babys
abnehmbare Brüste
und Söhne, die zu Waffen werden.
Ans alte Ende der Welt bringt uns
Christian Lehnert, Poet und Pastor
"Die Küste flockt aus"
äußerliche und innerliche Landschaftsbeschreibungen
von Spanien wie am Sterbebett
starke Bilder zum zweimal Hinhören
(doch nicht allen gefällt der schwere Tobak
"sprachlich unsauber", schimpft ein Kollege)
Holländischer Klangzauber statt Halskrankheit
Zeigt Ramsey Nasr, der Palästinenser,
der Dichter und Schauspieler.
"Sei Fuchs, iss Huhn" sagt George W. bei ihm
und die "dumme Julia" wird
vom atemberaubenden Romeo eingeholt
Pingpong-Bälle im Flügel
Wie ein Stepptanz der Ameisen
Was harmonisch beginnt
Endet brutal-rasend
Bei Yoko Tawadas verblüffender Performance
Über den Mond, den Mönch und das Wasser
"Es ist so laut hier,
deswegen sieht man so wenig"
Dass das Leben nur aus 1 und 0 besteht
Behauptet Jacques Roubaud
Die Einheit von Poesie und Mathematik
Klare Sprache, klare Bilder
Logik regiert neben Witz
Schwer dagegen hat es Zheng Zao,
unverständliches Chinesisch
am späten Abend
undankbarer letzter Platz
die Gedanken eines Todeskandidaten
versickern nur halb verstanden
in dösenden Hirnwindungen


III


Ruckelnde Straßenbahn
Scheppernde Weichen verschlucken
Leise Töne
Heitere Worte überwiegen
Die Landschaft der Stadt zieht vorbei
Wie die Landschaft der Gedichte
Ein Esel reist mit
Und diverse Poeten
Wechselndes Publikum
Und ab und zu
Verirrt sich auch ein
Ganz normaler Straßenbahnfahrgast
In die Dichterbahn


IV


Worte, Worte, nichts als Worte
Sie klingen nach in meinen Ohren
Wie das Bimmeln der Straßenbahn
Und setzen die Sehnsucht in Bewegung
Ein Stift, ein Stück Papier
Und plötzlich denke ich wieder
In Wortbildern (bik)

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