Wie lange geht das Morden weiter?

Ein Kommentar zum Nahost-Konflikt

(erschienen im Onlinemagazin Bremer Zeitkultur, 01.09.2002)


Dürfen deutsche Staatsbürger Israel und seine Palästina-Politik kritisieren? Oder ist das gleich Antisemitismus? Diese Frage hat in den vergangenen Wochen die Geister umgetrieben, nachdem Möllemann und Co. für entsprechende Schlagzeilen gesorgt hatten. Eigentlich könnte es jetzt damit genug sein. Doch jedes Mal, wenn ich in den Nachrichten von erneuten Selbstmordattentätern oder israelischen Vergeltungsmaßnahmen höre (und das ist ja leider derzeit täglich!), frage ich mich, was da schief läuft.

Naiv gedacht, sollten doch gerade die Juden, ein jahrtausendelang unterdrücktes Volk, am ehesten Milde walten lassen können gegenüber anderen Völkern, die zufällig ebenfalls seit Jahrtausenden in der gleichen Gegend leben. Andererseits - vielleicht haben gerade diese Menschen ein Recht darauf zu sagen: "Jetzt sind wir hier und damit basta." Nur - gegen die Mittel dieses Bastas habe ich einiges einzuwenden.

Totschlagsargumente

Ich möchte dabei nicht missverstanden werden. Es gibt keine Rechtfertigung für tote Menschen - auf keiner Seite! Aber Ephraim Kishon, der berühmte Satiriker, sagte erst jüngst in einem Interview mit der Welt am Sonntag: "Wer heute den winzig kleinen, ums Überleben kämpfenden jüdischen Staat verurteilt, ist ein Antisemit." Starker Tobak, sogar ein Totschlagsargument, das bei mir Bauchschmerzen verursacht. Und ich erinnere mich an meine Reise vor vier Jahren nach Israel, wo ich sowohl mit Israelis und Juden aus aller Welt als auch mit arabischen Palästinensern gesprochen habe. Die Schilderungen der ehemals deutschen Jüdin, die vor dem Zweiten Weltkrieg auswanderte und von heftigen Gefechten mit Arabern in den ersten Jahren ihres Siedlerlebens im damaligen Palästina berichtete, hinterließen einen schalen Geschmack bei mir - in ihren Äußerungen hörte ich ebenso viele "rassisch begründete" Vorurteile gegen "die Araber" heraus, wie gerade die Israelis (teils zurecht) den Deutschen vorwerfen, wenn sie etwas über "die Juden" sagen.

Depremierende Schicksale

Im Gegenzug daran erinnere ich mich auch an die deprimierende Erzählung des jungen Palästinensers in der Jerusalemer Altstadt, Mitte Zwanzig vielleicht, intelligent, aber ohne Hoffnung. Er, ein Kind der ersten Intifada, berichtete, dass er durch die israelische Politik in den 80-er Jahren keinen Schulabschluss machen konnte. Kein Abschluss, keine Ausbildungsstelle, kein Job und damit auch keine Familie möglich - denn wovon sollte er seine Ehefrau und Kinder ernähren? Er boxte sich als Fremdenführer durch - doch mittlerweile, seit der zweiten Intifada, bleiben wohl auch die Touristen aus. Ein gefährliches Pulverfass, dessen Lunte ständig glimmt.

Damals wurde mir klar: Solange auf der einen Seite die alten Vorurteile über "die Araber" bestehen bleiben und sogar noch zementiert werden, und solange auf der anderen Seite immer noch palästinensische Kinder ohne Hoffnung auf eine Perspektive aufwachsen und damit auch anfällig für extremistische Propaganda werden, solange wird sich in Israel nichts ändern, und das Morden geht weiter. Bis eine neue Generation herangewachsen ist. (bik)

 

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