„Frauen müssen Solidarität lernen!“

Ein Gespräch mit Erika Riemer-Noltenius zu 25 Jahre ZGF – 25 Jahre Frauenbewegung

(erschienen bei gesche.online, 30.11.2005)


Bremen. Als vor 25 Jahren die Gleichstellungsstelle in Bremen ihre Arbeit aufnahm, hatte Erika Riemer-Noltenius noch gar nicht über Feminismus und die Rolle der Frau in der Gesellschaft nachgedacht. Für die studierte Politologin, die einige Jahre bei der Handelskammer gearbeitet hatte, war das alles kein Problem: „Ich fühlte mich immer privilegiert als Frau. Ich hatte studieren können, arbeitete in einem guten Posten, ich war oft die einzige Frau und die Männer um mich herum halfen mir – ich wurde doch nicht diskriminiert!“

Als Alibi-Frau benutzt?

Erst als sie nach dem Tod ihres Ehemannes Mitte der 80-er Jahre an der Uni Bremen erneut studierte, wurde sie „zum Feminismus bekehrt“, wie die heute 65-Jährige lachend erzählt. „Eine von meinen Komilitonninen stellte die entscheidende Frage: Ob ich nicht vielleicht die ganze Zeit nur als Alibi-Frau benutzt worden war? Da ging mir allmählich ein Licht auf und ich begann mir über Diskriminierung der Frauen Gedanken zu machen.“

Nun begann ihr bis heute unermüdliches Engagement für die Frauenbewegung: Vorstandsarbeit im Bund deuter Akademikerinnen und im Bremer Frauenausschuss, Gründung des Bremer Frauen-Clubs in Anlehnung an die britischen, dem männlichen Geschlecht vorbehalteten Vorbilder und der Virginia-Wolff-Universität für Frauen, in den vergangenen Jahren ihre bundesweite Kandidatur für die „Frauen-Partei“ und schließlich die Verwirklichung ihres Traumes: der Beginenhof in der Bremer Neustadt als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Frauen, „ohne männliche Bevormundung“.

Moralische Unterstützung durch die ZGF

Vieles hat die Frau mit der sportlichen Kurzhaarfrisur in der Zwischenzeit für die Frauen in Bremen bewegt. Überhaupt fällt ihr auf, dass es ausgerechnet im patriarchalisch-hanseatischen Bremen eine große Vielfalt an Frauen-Projekten gibt – gemessen an der Pro-Kopf-Bevölkerung wohl die größte Dichte bundesweit, schätzt sie. „Und die Zentrale Gleichstellungsstelle hat immer eine große Rolle dabei gespielt, vor allem auch als moralische Unterstützung.“

Allerdings, wendet sie ein, versucht die ZGF, innerhalb der bestehenden patriarchalischen Strukturen Verbesserungen für die Frauen zu schaffen – durch Quotenregelung und ähnlichem. Das reicht Erika Riemer-Noltenius persönlich nicht: „Diese Strukturen sind inhuman, Kriege sind Folgen dieser patriarchalen Strukturen, die Globalisierung ist der Höhepunkt der Ausbeutung.“ Über diese Themen redet sie gern, ihre Gesten werden größer.

Gründung der Feministischen Partei "Die Frauen"

„Dabei sind wir nicht männerfeindlich – auch Männer leiden ja unter den Folgen. Wir müssen Männer und Frauen nur überzeugen, dass im Mittelpunkt des Lebens der Mensch stehen sollte.“ Aus diesem Grund engagiert sie sich seit einigen Jahren stark in der Feministischen Partei „Die Frauen“.

Lässt man die letzten 100 Jahre Frauenbewegung Revue passieren so sei eine Menge geschehen, sagt die engagierte Politologin: Frauenwahlrecht, gleiches Recht auf Bildung, Erwerbstätigkeit. Aber in den vergangenen 25 Jahren habe sich eigentlich wenig getan. „Der Anteil der Professorinnen an den Unis ist zwar von 4,1% auf 10,5% gestiegen, aber das ist immer noch lächerlich!“, ärgert sie sich.

Eigene Frauenkultur entwickeln

Dennoch seien die Formen der Frauenbewegung heute andere als früher. In den 70er und 80er Jahren waren das spektakuläre Proteste für das Recht auf Abtreibung zum Beispiel, heute ist es stiller geworden, weniger medienträchtig. „Es geht uns darum, eine eigene Frauenkultur zu entwickeln, uns nicht um das Patriarchat und seine Strukturen zu kümmern, sondern unsere eigenen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu respektieren und von einander zu lernen.“

Vor allem müssen die Frauen Solidarität untereinander lernen. „Daran hapert's“, ist sich Erika Riemer-Noltenius klar, „6000 Jahre Patriarchat stecken in jeder Zelle, da ist es sehr schwer, den Konkurrenzkampf aus den Frauen heraus zu kriegen.“ Aber sie hat „unendlich viel Geduld“, dass es doch noch Erfolg haben wird. „Bei mir selbst hat es ja auch drei bis vier Jahre gedauert, um zu begreifen, was strukturelle Diskriminierung der Frauen in unserer Gesellschaft heißt.“

Alles ist veränderbar

Es sei nötig, die Welt zu verändern, aber es sei auch möglich, ist sie sich sicher: „Alles Menschengemachte ist auch von Menschen zu verändern.“ Ihr eigenes Leben ist ihr bestes Beispiel: „Den Beginenhof, der Frauenclub, die gibt es ja! Man kann etwas machen! Seitdem ich das weiss, lebe ich noch fröhlicher.“

Dass junge Frauen nur schwer von der Frauenbewegung zu begeistern sind, ist ihr sehr verständlich: „War ich denn damals davon zu begsiern? Nein! Von Frauen, die erst einmal ihre Familie und ihre Karriere planen, kann ich doch nicht erwarten, dass sie ihre Energie da reinstecken. Aber wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann sollten sie sich engagieren.“

Gleichberechtigte Beziehung ist das Ziel

Der Frauenbewegung wünscht sie für die nächsten Jahre, dass die Frauen mehr Selbstbewusstsein lernen. „Das Ziel ist eine gleichberechtigte Beziehung mit Männern, eine Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe. Ich werd das wohl nicht mehr erleben, aber vielleicht die nächste Generation.“ (bik)

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