"Man sollte machen, was man kann"

Annemarie Mevissen, eine Frau Senatorin in bewegten Zeiten

(erschienen bei gesche.online, 30.11.2005)


Bremen. In einer Zeit, als ganz Bremen in Trümmern lag, als die Bevölkerung sich kaum von den 12 Jahren NS-Gewaltherrschaft erholt hatte, als die Demokratie noch ein junges Pflänzchen war, das gerade erst wieder aufgepäppelt wurde, war es alles andere als selbstverständlich, dass Frauen politisch aktiv wurden, erst recht nicht auf der großen Bühne der Bürgerschaft und des Senats. Und dennoch gab es 1947, im ersten Nachkriegsparlament in Bremen, 14 weibliche Abgeordnete. Unter ihnen Annemarie Mevissen, 31 Jahre alt. Sie sollte wie keine andere Frau das politische Leben Bremens in den nächsten Jahrzehnten prägen, als Jugend- und Sozialsenatorin und zeitweise 2. Bürgermeisterin.

Obwohl sie anfangs wenig begeistert davon war, für die Bürgerschaft zu kandidieren, immerhin hatte sie eine eineinhalbjährige Tochter zuhause, war es letztlich keine Frage für sie: „Es gab damals einfach zu wenige, die die eigenen Probleme beiseite legen und sich für die Gemeinschaft einsetzen wollten.“ Immerhin kam sie aus einem stark sozialdemokratischen Elternhaus und hatte an der Seite ihres Vaters die Entstehung der Bremischen Landesverfassung erleben können.

"Hoffnung auf ein Weiterkommen"

Heute sagt die 81-Jährige über diese ersten Jahre: "Es war eine ganz schwierige Zeit. Auf dem sozialen Sektor lag alles brach, aber im Gegensatz zu heute hatten wir Hoffnung auf ein Weiterkommen, und wir hatten Geld durch die Tabak- und Weinsteuer und den Wiederaufbau des Hafens. Heute haben wir 36 Milliarden Schulden bundesweit und wenig Aussicht auf Besserung, das wirkt sich negativ auf den Tatendrang aus." So wurde Annemarie Mevissen zunächst 1947 jüngstes Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, dann 1952 Senatorin für das Jugendwesen, später auch Sozialsenatorin und 1967 sogar 2. Bürgermeisterin der Freien Hansestadt Bremen. Besondere Anliegen waren ihr der Auf- und Ausbau der Kindergärten und Altenheime sowie der Behindertenwerkstätten.

Ihrer Vorreiterrolle als Frau im Senat ist sich Annemarie Mevissen bewusst: „Es gab drei sozialdemokratische Sozialsenatorinnen, in Hamburg, Berlin und Bremen, wir waren ein echtes Kleeblatt und wurden schon auch als besondere Leute behandelt. Aber nicht immer nett – wir mussten uns schon ziemlich durchbeissen.“

Keine Diskriminierung

Dass Frauen in der Politik oft wie selbstverständlich die so genannten „weichen Ressorts“, also Soziales, Gesundheit etc. zugeschrieben wurden und werden, empfand Mevissen nie als Diskriminierung: „Man sollte das machen, was man kann, und ich bin nun einmal keine Juristin und hatte schon Sorge, meine eigenen Finanzen zu regeln, aber auf sozialem Gebiet konnte ich etwas leisten.“

Doch Gleichberechtigung ist ein harter Kampf, weiss auch die ehemalige Politikerin aus eigener Erfahrung: „Was jahrhundertelang gegolten hat, wird nicht in hundert Jahren geändert. Aber es ist möglich, das beweisen die Frauen selbst.“ In Sachen Gleichstellung habe sich auch schon eine Menge getan: „Wenn ich die Vergangenheit auf die Zukunft übertrage, wird die ZGF in weiteren 25 Jahren nicht mehr nötig sein“, sagt Annemarie Mevissen lachend.

Frauen und Macht

Die Tatsache, dass Angela Merkel heute, im Jahr 2005, Kanzlerkandidatin ist, bezeichnet sie als „großen Schritt nach vorn für die Frauen“ - auch wenn die alte Sozialdemokratin sicherlich politisch nicht immer einer Meinung ist mit der Christdemokratin. Frau und Macht jedenfalls sind für Annemarie Mevissen durchaus vereinbar: Wenn die Argumente stichhaltig seien, würden sie sich durchsetzen, egal ob von einer Frau oder von einem Mann vorgetragen. Und falls nicht, müsse man (oder frau) die Konsequenzen tragen.

Allerdings habe sie als Frau und Mutter immer wieder Vorwürfe zu hören bekommen, sie solle sich mehr um ihre Kinder kümmern. „Das waren dann uneinsichtige Leute, die generell gegen Frauen in der Politik waren. Damit müssen Sie fertig werden, wenn Sie sich engagieren.“ Von ihrer Familie habe sie immer volle Unterstützung erhalten, und Kinderfrauen halfen ihr zusätzlich im Haus. „Es ist Blödsinn zu glauben, man könne alles allein machen. Sowohl in der Politik als auch im Privaten muss man lernen zu delegieren und mit viel Geduld und gegenseitigem Rückhalt als Team zusammen zu arbeiten“

"Nicht das ganze Leben"

1975, nach 23 Jahren Senat war Schluss damit, mit ihrem 60. Geburtstag schied sie auf eigenen Wunsch aus dem Amt aus. „Politik ist nicht das ganze Leben“, begründete sie diesen Schritt und widmete sich endlich dem, was sie zuvor immer nur an raren Urlaubstagen geschafft hatte: der Malerei. Dennoch: Als sie vor wenigen Wochen die Bremische Ehrenbürgerwürde erhielt, übrigens als erste Frau überhaupt (zusammen mit Barbara Grobien), da freute sie sich sehr über diese Anerkennung ihre Leistungen. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet“, sagt sie ganz bescheiden. (bik)

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