Vom rheinländischen Spielmann und seinem Universaldilettanten

Gisbert Haefs plaudert und liest aus seinem neuen "Matzbach"-Roman

(erschienen bei bikonline.de, 08.10.2003, und bei Kaliber.38, Ende Oktober 2003)


Bremen. Dick ist er eigentlich nicht. Zumindest sieht Gisbert Haefs nicht so aus wie Balthasar Matzbach. Oder wie der Leser sich Matzbach vorstellt. Allerdings wenn er spricht, merkt der Zuhörer, dass auch Gisbert Haefs kunstvoll gedrechselte Wortwechsel mag, so wie Matzbach eben auch. ("Freilich? Das Wort habe ich aber lange nicht mehr gehört!" "Ich habe es probeweise benutzt." Aus: Ein Feuerwerk für Matzbach)

Wie er da so sitzt, an der Bar des Ambiente, kurz vor seiner Lesung, seine Gitanes gerade ausgedrückt und vor sich ein leeres Glas, da fällt die Frage automatisch: Wem ähnelt die Figur des Balthasar Matzbach, des genialen Universaldilettanten und Hobbydetektivs, dessen achter Fall jüngst erschienen ist (Goldmann Verlag)? "Das ist so die übliche Viertelmischung", erläutert der Autor aus Bad Godesberg. "Matzbach hat einige Eigenschaft, die ich auch habe, einige, die ich gern hätte, und einige, die ich froh bin nicht zu haben." Vor allem aber: "Matzbach kann sich so schön durchbluffen!", sagt sein Schöpfer und freut sich selbst darüber.

Matzbach wird nicht sterben

Lange hat er an dem neuesten Buch gesessen, lange, bis es endlich lief, und lange, bis der jüngste Matzbach erschien - immerhin vier Jahre sind seit dem letzten Krimi verstrichen. Wie lange es Matzbach noch geben wird? "Keine Ahnung", zuckt Haefs mit den Schultern. "Matzbach wird ja auch älter. Und ich werde ihn sicherlich nicht mehr mit 80 auftreten lassen." Aber sterben wird Matzbach dennoch nicht: "Nee, das hatte ich schon mal vor in ‚Matzbachs Nabel', aber dann hab ich gedacht, komm, lass es sein!" Zum Glück für seine Fans, derer zwei Dutzend an jenem Abend ins Ambiente kommen. Prime Time Crime Time Bremen, zum 6. Mal, in der Hansestadt.

Einige der Zuhörer mögen Gisbert Haefs allerdings eher als Verfasser von historischen Romanen kennen ("Hannibal", "Alexander", "Troja", "Raja"), oder als Übersetzer und Herausgeber von Ambrose Bierce , Rudyard Kipling, Jorge Luis Borges oder Sir Arthur Conan Doyle, denn der Rheinländer ist vielleicht ähnlich universal gebildet wie sein Matzbach. Manchmal, gesteht er ein, überlappen sich die verschiedenen Projekte auch, jedoch eher unfreiwillig - wenn sich eines länger hinzieht als erwartet, wie zum Beispiel sein wohl im kommenden Frühjahr erscheinendes Buch "Die Geliebte des Pilatus".

Priester und Spielmann

Wie er so unterschiedliche Genre und Metiers miteinander verbinden kann und jetzt jenes und bald dieses schreibt? "Ich hab da so eine Theorie", erläutert Haefs: "Es gibt die Hohe Literatur, deren Priester schreiben über das, was sie für wichtig halten - über sich selbst." Oho. "Und dann gibt es noch meine Kollegen und mich, wir sind eher wie der Spielmann und schreiben das Buch, das wir gerade ganz dringend lesen wollen, aber das es nicht zu kaufen gibt."

Direkt ist Gisbert Haefs, und sicherlich nicht immer "political correct", genauso wie sein Matzbach. Deshalb macht Haefs sein Publikum gleich zu Anfang darauf aufmerksam: "Wer ein sensibles politisches Empfinden hat, hat noch eine Minute, den Raum zu verlassen." Und dann legt er los. Liest aus dem Anfang des "Feuerwerks" vor. Und im Gegensatz zu manch anderem Autoren kann Haefs nicht nur schreiben, sondern tatsächlich auch vorlesen. Besonders deutlich wird dies bei der Zugabe nach der Pause, "Zwielichtengel", ein Schmankerl auch für alle, die ihren Matzbach schon gelesen haben.

Kein Hörbuch vom Autoren

Das lässt die Frage aufkommen nach einem Hörbuch vom Autoren, Haefs liest Haefs sozusagen. Nein, sagt er, da habe er schlechte Erfahrungen gemacht: Sein "Raja" hätten sie für eine Hörbuchversion dermaßen gekürzt, dass er nicht mehr das Gefühl hatte, das sei sein Buch. "Dann soll das auch ein anderer lesen."

Aber es sind ohnehin erst einmal andere Dinge angesagt: Die letzten Arbeiten an seinem neuen historischen Roman, dann noch hier und dort eine Lesung oder ein Krimitreffen, und dazwischen "meine Frau streicheln und die Kinder züchtigen - oder was dergleichen sich anbietet." Und da merkt man mal wieder: So kann nur ein echter Matzbach reden. (bik)

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