Historische Inventur im historischen Kaufhaus

Alljährliche Bestandsaufnahme geht bei J.H. Büsing Sohn in Abbehausen noch per Hand

(veröffentlicht in der Kreiszeitung Wesermarsch, 8.1.2000)


Nordenham. "Drei Stück Untertassen RCR, ein Stück Schüssel komma weiß Komma eckig FTR, ein, zwei, drei...", murmelnd zählt Elmer Freese, "zehn Pack Ersatzdeckel für Gefrierdosen 798, drei Pack dito 678." Im Hintergrund wiederholt Günther Schoon leise die Ziffern. Es ist, wie jedes Jahr, Inventurzeit bei Firma J.H. Büsing Sohn in Abbehausen.

Im 147 Jahre alten Gemischtwarenladen an der Butjadinger Straße bekommt der Kunde fast alles, was sein Herz begehrt: Schneeschieber stehen neben Fahrradmänteln und Ofenrohren, Flexscheiben neben Hundefutter und Filtertüten neben Groggläsern. Und nicht zu vergessen etliche Dosen mit Süßigkeiten für die Schulkinder gegenüber. Zwischen 3600 und 3800 verschiedene Artikel stapeln sich in Regalen, Vitrinen und Schubladen, auf dem Boden und an der Wand. Und die müssen, wie in anderen Läden auch, einmal im Jahr gezählt werden.

"Das ging schon immer so"

Geschäftsinhaber Elmer Freese macht das nun schon zum 48. Mal. Er weiß genau, wo welcher Nagel und welcher Einkochtopf steht. Seit 16 Jahren wird er unterstützt von Günther Schoon, dem Schriftführer im Wortsinn: Er notiert hinter dem Tresen in einer kleinen Nische alles fein säuberlich in Druckschrift, was Elmer Freese ihm durch den Laden zuruft. Der wandert währenddessen mit der Liste des Vorjahres durch das Geschäft, nimmt die einzelnen Gummiringe und Reisigbesen in die Hand und entziffert mit der Lupe die genaue Typenbezeichnung.

Von Computer und Strichcode hält der 63-jährige Kaufmann nichts: "Das ging schon immer so, warum sollte ich das ändern?" Es sei schlließlich auch ein historisches Kaufhaus. Die einzige Veränderung gab es vor einigen Jahren, als er einen Taschenrechner geschenkt bekam. Zuvor hatte er die langen Zahlenkolonnen mit einer Rechenmaschine aus den 20er Jahren addiert. Mit einem dünnen Stift schob er damals flink Metallschienen hoch und runter, oben erschien dann das richtige Ergebnis. "Der muss noch aus der Inflationszeit kommen, da kann man Milliardenbeträge eingeben."

Schwarzes Garn statt schwarze Konten

Als er als 14-Jähriger das erste Mal seinem Vater bei der Inventur half, bedeutete das noch "messen, wiegen und zählen". Heute wird kein Drahtzaun am laufenden Meter mehr verkauft, und auch die Kohle kommt nicht mehr im großen Jutesack. Jetzt ist nur noch Zählen angesagt. Zwischen 130 und 160 Seiten beschreibt Günther Schoon im Laufe der Inventur, die bei J.H. Büsing Sohn etwa 25 Stunden dauert - alles nach Feierabend oder am Wochenende, damit das Geschäft nicht behindert wird.

Nach der "Rohaufnahme" überträgt Elmer Freese alle Daten in Formulare, addiert die Einkaufspreise und erhält am Ende den Nettowarenbestand. Und alles, damit das Finanzamt seinen Anteil der Steuern bekommt. Ordentliche Buchführung ist Teil des Geschäftes, sagt er lachend: "Bei uns gibt es keine schwarzen Konten, höchstens schwarzes Garn." Der Abbehauser hat sogar noch alte Warenlisten aus dem Jahre 1858.

Ladenhüter im Museum

Bei der Inventur fallen immer wieder die Ladenhüter auf: Zigarettenspitzen zum Beispiel kauft heute niemand mehr, oder Gaspatronen für ein Feuerzeug. Die unverkäuflichen Waren landen aber nicht etwa im Müll, sondern im hauseigenen Museum hinten im Lager. Dort stehen bereits holländische Schlittschuhe um 1900 neben alten Fleischwölfen und einem gut gefüllten Apothekerschrank.

Die beiden Männer machen sich nach einer kleinen Pause erneut an die Arbeit. Schließlich müssen sie noch die Glühbirnen und das Haushaltspapier, die Süßigkeiten und den Maschendrahtzaun zählen, und im vollgestopften Laden ohne Heizung ist es immer etwas kühl. "Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die Glaskannen... was habe ich eben gesagt, wie viel sind das?" Und schon beugen Elmer Freese und Günther Schoon wieder ihre Köpfe über Listen und Regale. (bik)

 

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