Auch Giganten müssen den Bonbontest bestehen

Firma Huss produziert weltweit Fahrgeschäfte - Auch in Rodenkirchen stehen einige Karussells

(erschienen in der Kreiszeitung Wesermarsch, 23.09.2004)


Rodenkirchen / Bremen. Am Anfang stand ein Zufall: Ein Polizist baute in seiner Freizeit ungewöhnliche Modelle mit Bohrmaschinenmotoren. Eines Tages hatte er die Idee zu einem Karussell, wie es das zuvor noch nicht gegeben hat. Mit dieser Idee ging er zu einem befreundeten Konstrukteur, der bei der Maschinenfabrik Huss in Bremen arbeitete. Dort wurden eigentlich Schiffsausrüstungen gefertigt und Zigarettendrehmaschinen.

Doch die Idee von dem ungewöhnlichen Fahrgeschäft zog Kreise, und das "Swing-around" war das Erste einer ganzen Reihe von Vergnügungsmaschinen, die von Huss Maschinenfabrik gebaut wurden.

Ungewöhnliche Ideen

Das war 1969, und seitdem hat sich die Bremer Firma einen guten Ruf in der Vergnügungsbranche erworben. Ob "Break Dance", "Top Spin" oder "Frisbee", was in Rodenkirchen, Bremen oder München auf den Jahrmärkten die Jugend magnetisch anzieht, stammt von Huss.

Heute sehen die Karussells zwar anders aus als damals das "Swing-around", die Ideen dazu kommen manchmal aber immer noch auf ähnlich ungewöhnlichen Wegen zustande, erzählt Henning Berkelmann, bei Huss zuständig für die Vorentwicklung. "Einmal kam mein Chef mit einer Serviette an, auf die er mit einem Kunden ein neuartiges Familienfahrgeschäft gezeichnet hatte. Machen Sie mal was draus', sagte er zu mir." Mittlerweile heißt das "Serviettenkarussell" "Delirium" und ist einer der neuesten Renner aus dem Hause Huss.

Ein Jahr Entwicklungszeit

Wenn der gelernte Raumfahrtingenieur von seiner Arbeit erzählt, strahlen seine Augen: "Jede neue Maschine ist anders, wie ein unkartiertes Gelände, wo wir von Null anfangen und Wege suchen müssen, wie die Idee umgesetzt werden kann." Manchmal sind diese Wege sehr kompliziert, wie bei dem derzeit größten Projekt, dem "Jump²", das im vergangenen Winter im kanadischen Toronto erbaut wurde: Eine einzigartige Hydraulikanlage schleudert die Besucher extrem schnell in die Lüfte. Oder der 60 Meter hohe "Space Shot", für den im Bremer SpacePark eine Ariane-Trägerrakte nachgebaut wurde. "Den haben wir schlüsselfertig geliefert, samt Rakete, Rampe und Startturm - eine gute Werbung auch für uns."

Ungefähr ein Jahr dauert es, bis sich eine neue Maschine das erste Mal dreht. Dazwischen liegt die Vorentwicklung und Simulation von Berkelmann, die Konstruktion und schließlich Bau, Test und technische Abnahme, die mittlerweile nach Ungarn verlagert wurden. "Die Hauptsache bei der Entwicklung von Karussells ist, dass sie absolut neuartig und spektakulär sind", weiß Berkelmann. "Der Besucher muss das Gefühl haben, etwas Einzigartiges zu erleben, sonst wird es keinen Erfolg haben."

"Da blieb mir die Luft weg"

Das Wort Karussell passt eigentlich nicht mehr zu dem, was in Bremen und Budapest entsteht. So werden bereits erfolgreiche Konzepte wie der "Frisbee" oder der "Top Spin" genommen und in XXL-Format vergrößert. Ein "Giant Frisbee" wurde zum Beispiel im Frühjahr in einem belgischen Vergnügungspark in Betrieb genommen. Statt 20 Meter geht es hier 42 Meter hoch, und auch der Neigungswinkel des "Hammers" beträgt 120 Grad statt 90 Grad.

Obwohl Henning Berkelmann die Maschinen aus seinen Computersimulationen bis ins kleinste Detail kennt, blieb sogar ihm der Atem weg, als er den "Giant Frisbee" persönlich testete. "Das sieht wirklich fies aus am Anfang, aber später macht es nur noch Spaß." So viel Spaß, dass ein Mädchen dort in nur drei Monaten bereits mehr als 120 Mal mit dem Giganten in die Lüfte gegangen war. "Genau so etwas wollen wir erreichen!"

Gigantische Karussells

Vier verschiedene Giant Rides hat Huss entwickelt, plus einem kompletten Marketingkonzept für die einzelnen Geräte. Am liebsten würden die Bremer jedoch alle vier Maschinen auf einmal verkaufen - in einem "Land of Giants", wo XXL die Devise ist, von den gigantischen Karussells bis hin zu den gigantischen Hamburger, die im angeschlossenen Restaurant verkauft werden könnten. Eine Idee, die für den amerikanischen Markt zugeschnitten ist, sich aber überall rentieren würde, ist Berkelmann überzeugt: "Eine gute Achterbahn kostet heute etwa 20 bis 25 Millionen Dollar. Das gleiche kostet auch unser Land of Giants, aber hier können sich viel mehr Leute gleichzeitig vergnügen."

Neben dem Prinzip "immer höher, immer schneller" wird aber auch die Sicherheit immer wichtiger genommen. "Der TÜV wird bereits bei der Entwicklung unserer Maschinen eingebunden, um jedes Risiko zu minimieren", berichtet der Ingenieur. Unfälle kann sich niemand leisten. Dabei arbeiten die Sicherheitsprüfer auch mit ungewöhnlichen Methoden: Soll untersucht werden, ob die Verriegelung eines Fahrgeschäftes wirklich kindersicher ist, so setzt der TÜV kleine Kinder in die Sitze und lockt sie mit Bonbons. "Einmal hat so ein zierliches gelenkiges Mädchen es geschafft, sich dort heraus zu winden, da hatten wir ein Problem", erinnert sich Berkelmann.

Sicherheit ist wichtig

Sicherheit ist jedoch nicht nur bei den Neuentwicklungen wichtig, Auch die älteren Fahrgeschäfte von Huss werden regelmäßig überprüft, gewartet und wenn nötig nachgerüstet. "Die Schausteller leben ja mit und von der Maschine, ein Unfall wäre eine Katastrophe für jeden in der Branche."

Als vor vier Jahren das Management wechselte und Wolfgang Richter zusammen mit Wilhelm Hundsdörfer, Henning Woßmann und Rüdiger Happe die Führung übernahm, wurde unter anderem auch die Produktpalette geändert. Weg von den mobilen Fahrgeschäften für die Rummelplätze, deren Konjunktur gerade in Deutschland abwärts ging, hin zu den internationalen Freizeitparks, die weiterhin boomten. So wurde aus einer deutschen mittelständischen Firma ein globalisiertes Unternehmen, das mittlerweile weltweit "in der Qualität absolute Spitze, in der Quantität unter den ersten Dreien" ist, so Berkelmann. Zwischen Ohio und Osaka finden sich etliche Fahrattraktionen made in Bremen, insgesamt knapp 800.

Schneller Service nötig

Neben der Entwicklung ist natürlich auch der Service sehr wichtig, und dort ist Schnelligkeit gefragt, erklärt Hennig Berkelmann: "Stellen Sie sich vor, kurz vor einem Feiertagswochenende hat eine Maschine einen Defekt, das ist wie in der Landwirtschaft, wenn der Mähdrescher streikt, obwohl das Getreide trocken ist und am Horizont bereits die ersten Regenwolken auftauchen." Dank eines guten Netzes von Servicemechanikern könne Huss weltweit innerhalb von 24 Stunden helfen.

Der 45-jährige Ingenieur Berkelmann ist sich sicher, dass die Arbeit bei Huss keine gewöhnliche Arbeit ist, denn es seien auch keine gewöhnlichen Maschinen, die hier entstünden. "Keiner steht jeden Tag vor seiner Waschmaschine und freut sich, wie toll die ist. Nicht einmal ein Auto macht so viel Spaß wie unsere Karussells."

Betriebsausflug zum Freimarkt

Da gehört es zur Ehrensache, dass alle Bremer Mitarbeiter samt Rentner einmal im Jahr die mobilen Geräte ausprobieren - beim Betriebsausflug auf dem Bremer Freimarkt. "Wenn der Rekommandeur, der Schausteller am Mikrofon sieht, dass wir kommen, drückt er extra auf die Tube, das müssen wir ja abkönnen." (bik)

 

Huss in Zahlen:

- Huss Maschinenfabrik Bremen gegründet 1919 von Heinrich Wilhelm Huss

- Ursprünglich Hersteller feinmechanischer Maschinen, Schiffsausrüstungen sowie Schalldämpfern und Dieselpartikelfiltern für Gabelstapler und Schiffe

- Seit 1969 Herstellung von Vergnügungsanlagen, zunächst für deutsche Jahrmärkte, mittlerweile mehr für internationale Freizeitparks

- Seit über 10 Jahren Verlagerung von teilen der Produktion nach Budapest / Ungarn, seit 2004 komplette Verlagerung des Baus nach Ungarn, Entwicklung und Vertrieb weiterhin in Bremen

- 50 Mitarbeiter in Bremen, 150 in Ungarn

- Pro Jahr Bau von fünf bis acht Karussells, Entwicklung von 40 verschiedenen Modellen bislang, unter anderem Top Spin, Break Dance, Skytower, Topple Tower, Delirium, Frisbee, Shot'n Drop

- weltweit mehr als 700 Fahrgeschäfte installiert, einige bestehen seit 30 Jahren

- 90 Prozent aller Umsätze durch Exportaufträge, vor allem in die USA und nach Asien

- Nähere Infos auch im Internet: www.hussrides.com (in Englisch)

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