Präzision ist oberstes Gebot

Der Wesertunnel ist voll im Zeitplan: Die große Bohrmaschine Wisura ist 24 Stunden im Einsatz, damit die Tübbingröhre wachsen kann

(veröffentlicht in der Kreiszeitung Wesermarsch, 18.9.1999)


Kleinensiel. Feuchtheiß ist es 25 Meter unter dem Deichvorland, und die große Vortriebsmaschine dröhnt unablässig. 310 Meter hat sich Wisura, so heißt der gigantische Schildbohrer, bereits in den Boden gebohrt, 1330 Meter liegen noch vor ihm, bevor er auf der anderen Weserseite wieder auftaucht. Zehn Meter schafft Wisura pro Tag, zehn Meter Sand und Steine, die von dem 11,67 Meter großen Schneidrad aus dem Boden geschält werden.

"Die größeren Findlinge werden von Diskenmeißel und Steinbrechern zerkleinert, dann wird alles hydraulisch abgesaugt und über Tage gefördert", erläutert Cord Lüesse, Projektleiter beim Bauherren, dem Straßenbauamt Oldenburg-Ost. Alles geschieht vollautomatisch und lasergesteuert. Nach eineinhalb Metern hält die Maschine. Dann beginnt die Arbeit der Ringbauer. Sie bauen die Röhre gleich hinter dem Schildrad im so genannten "freien Vorbau" zusammen. Die meisten Ringbauer stammen aus der Region, gelernte Schlosser sind darunter und Maurer, einige sind auch auf Montage hier.

Tübbings müssen genau passen

Die Röhre setzt sich aus vielen Einzelteile zusammen. Diese Tübbings wiegen bis zu elf Tonnen. Hergestellt werden sie in Hamminkeln bei Wesel und in Berlin. Jeden Tag stehen schwer beladene LKW auf dem Baustellen-Gelände Schlange und warten, bis die leicht gebogenen Stahlbetonteile in einer großen Halle abgeladen sind. Von dort werden die Tunnelringe mit einer Elektro-Lok zur Vortriebsmaschine gebracht. Ein Erektor, eine Art rotierender Kran, nimmt sie auf und fährt nach vorn bis an die Rückwand des Schneidrades. Wie ein Karussell dreht er die Tübbings rund um die entstehende Röhre an den nächsten freien Platz. Dort stehen die Ringbauer mit Wasserwaage und Millimetermaß bereit. Alles muss exakt sein, sonst funktioniert die ganze Konstruktion nicht.

Sieben Einzelsteine und ein Abschlussstein bilden zusammen einen Ring. Da darf kein Tübbing schief liegen. Untereinander verständigen sich die fünf Ringbauer mit kurzen scharfen Kommandos, die im Lärm der Maschinen fast unverständlich sind. Mörtel und lange Schrauben, die in die Wände gedreht werden, halten die Ringe in Position. Wenn die Röhre fertig gestellt ist, kommen diese Schrauben wieder heraus. "Das Ganze kann man sich als Gliederkette vorstellen", erklärt Cord Lüesse. Die einzelnen Steine und Ringe stützen sich gegenseitig, und zusammen mit dem Wasser- und Erddruck von außen ist die Röhre sehr stabil. Währenddessen lädt der Erektor den nächsten Tübbing, die Ringbauer verankern ihn passgenau in der Wand, und schließlich folgt noch der kleinere Schlussstein. Eine halbe Stunde brauchen sie pro Ring, dann lässt der Schildfahrer die Vortriebsmaschine die nächsten eineinhalb Meter abschälen und abtransportieren. An Monitoren verfolgt er den Stand der Bohrung. 24 Stunden am Tag immer die gleiche Prozedur

Dank an die Heilige Barbara

Insgesamt werden 2200 Ringe eingebaut mit 15400 Einzelteilen. Nur am Wochenende steht die Maschine. Dann wird sie gewartet. "Irgend etwas fällt immer an", sagt Cord Lüesse. Große Probleme hat es aber bislang nicht gegeben. "Wir liegen voll im Zeitplan." Der Dank gilt auch der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin des Berg- und Tunnelbaus, die in einer der Verwaltungsbaracken "Wache hält". Autofahrer, die spätestens ab dem Jahr 2003 durch die beiden Röhren die Weser queren, werden nichts mehr von den einzelnen Tübbings sehen. Brandschutz- und Abprallwände verkleiden Decken und Wände. Sie gehören zu einem aufwendigen Sicherheitskonzept, mit dem Brandkatastrophen wie im Tauerntunnel vermieden werden sollen. Alle 165 Meter geht ein Querschlag zur anderen Tunnelröhre hinüber. "Die Wahrscheinlichkeit, dass in beiden Röhren gleichzeitig Feuer ausbricht, ist sehr gering", versichert Cord Lüesse.

Beim Bau der Röhren werden an den Stellen, an denen Querschläge vorgesehen sind, Tübbingringe aus Stahl eingebaut. Dort schneiden die Ringbauer später ein rundes Loch hinein. Der Boden zwischen den Röhren wird kurzfristig vereist und die elf Meter langen Verbindungs- und Fluchtröhren hineingebohrt. Wenn Wisura voraussichtlich Anfang des kommenden Jahres das andere Weserufer erreicht, wird die 60 Meter lange Vortriebsmaschine demontiert. Dann wird sie zurück nach Kleinensiel transportiert und für die zweite Röhre zusammengebaut. "Einfach wenden geht schlecht", meint Cord Lüesse und blickt ein wenig stolz auf die riesige kraftvolle Maschine, "allein das vordere Stück mit dem Schneidrad wiegt über 1000 Tonnen." (bik)

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