Radziwills Geist weht durch die Räume

Museum und Wohnhaus in einem - das Konzept des Franz-Radzwill-Hauses in Dangast kommt gut an

(veröffentlicht in der Kreiszeitung Wesermarsch, 25.9.1999)


Varel. Nur ein kleines blaues Schild in der Ortsmitte macht die Besucher von Dangast auf das Domizil des wohl berühmtesten Einwohners der Stadt aufmerksam: Franz Radziwill. Trotzdem kann das Museum, das 1987 in seinem alten Fischerhaus eingerichtet wurde, nicht über besuchermangel klagen: 10.000 Menschen kamen allein im vergangenen Jahr.

Die Besucher betreten die Fischerkate durch einen winzigen Flur und eine kleine Stube und gelangen in die Küche. Blau-weiße Kacheln aus Holland und Italien schmücken die Wände. Über dem alten Küchenherd, in dem einst Holzscheite loderten, hängen Kochlöffel und Backformen, als seien sie noch täglich im Gebrauch. Ein großer Tisch steht in der Mitte der Küche, durch ein kleines Fenster mit zierlichen Verstrebungen dringt wenig Licht in den dunklen Raum.

Nachbarstochter hütet Museum

"Aus diesem Fenster hat Radziwill sein berühmtes Bild 'Das Fenster meines Nachbarn' gemalt", erzählt Anita Ostendorf, die die Besucher durch die Ausstellung führt. Sie ist in eben diesem Nachbarhaus geboren, hat mir Franz Radziwills Tochter Konstanze als Kind gespielt. Ihre Mutter und ihre Schwester haben bei den Radziwills gearbeitet, jetzt kümmert sich Anita Ostendorf um das Museum.

1923 hat Franz Radziwill das alte Fischerhaus in Dangast gekauft. Im Laufe der Jahre hat der gelernte Maurer und Architekt das Stallgebäude aus- und ein weiteres Gebäude angebaut. Nachdem der Maler 1983 verstorben war, verwandelte seine Tochter das Elternhaus in ein Museum.

Federzeichnungen und Ölbilder

Über eine schmale Stiege gelangt der Besucher in die obere Etage des Anbaus. Hier hat Franz Radziwill über 700 seiner 850 Ölgemälde gemalt. Während unten überwiegend die zarten Federzeichnungen zu sehen sind, hängen hier einige Ölbilder. "Als Franz Radziwill noch malte, stand hier alles voll", erzählt Anita Ostendorf. Heute ist alles aufgeräumt, aber noch immer läßt sich spüren, dass hier ein Künstler arbeitete.

Da ist das Klavier, auf dem seine Frau Anne Inga so gern spielte. In einem zweiten Raum befindet sich die Staffelei mit dem Porträt seiner Mutter. Sogar die Pinsel stehen noch in einer Ecke in Tongefäßen, als warteten sie nur auf den Maler, der gleich wiederkommen müsste.

Realistisch und verfremdet

Seine Gemälde bilden die friesische Landschaft realistisch und gleichzeitig verfremdet ab. In "Der Siel von Petershörn" von 1929 spiegelt sich eine Segeljolle in dem blauen Wasser, die rote Backsteinmauer ist bis auf den letzten Stein exakt abgebildet, eine schwarze Sturmwolke steht über allem. "Das ist mein Lieblingsbild", sagt Anita Ostendorf, "das gehört zu Dangast, so sieht es hier aus."

In jedem Bild steckt allerdings auch ein Symbol, über das der Betrachter nachdenken kann. Wie bei "Die Halbinsel der Seligen des 20. Jahrhunderts" von 1971. Hier scheinen ein Flugzeugwrack und Zivilisationsmüll aus einem Loch im Himmel auf eine Spielwiese zu fallen. Die Symbole hängen oft mit der Angst vor der Zerstörung der Natur und dem Fortschritt der Technik zusammen. "Als ob er geahnt hätte, was auf die Menschheit zukommt, manchmal ziemlich düster", sagt Anita Ostendorf. Aber was die Bilder tatsächlich sagen wollen, das müsse jeder für sich entscheiden: Franz Radziwill hat nie etwas über seine Bilder geschrieben, er sagte, ich bin Maler, kein Schriftsteller."

Der Künstler als Mensch

Bei ihren Führungen versucht Anita Ostendorf daher auch gar nicht, die Bilder zu erklären. "Die meisten wollen viel mehr wissen, wie Radziwill so als Mensch war", meint sie. Und da kann sie als alte Nachbarin ein wenig erzählen: "Zu uns war er immer gesprächig und nett, aber mit den Einheimischen hatte er manchmal einige Probleme. Wie Künstler eben so sind", lacht die 57-Jährige.

Zwei Mal im Jahr wechseln die Ausstellungen. Viele Urlauber kämen mehrmals, sagt Anita Ostendorf. Das Museumskonzept, die Mischung aus Wohnhaus und Galerie, gefällt den Besuchern. Eine hat ihr Lob im Gästebuch verewigt: "Man spürt jetzt noch die Ausstrahlung des so gegensätzlichen Künstlers." (bik)

 

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