"Viele sind einsam und wollen über ihre Krankheit sprechen"

Den Damen der Krankenhaus-Bücherei Nordenham geht es vor allem um die Menschen

(veröffentlicht in der Kreiszeitung Wesermarsch, 1.10.1999)


Nordenham. "Die Hauptsache ist nicht, mit den Patienten zu sprechen, sondern ihnen zuzuhören", sagt Irmgard Gerdes. Sie und drei andere Frauen arbeiten seit Jahren ehrenamtlich in der Krankenhaus-Bücherei und kommen auf diesem Weg oft ins Gespräch mit den Patienten. "Bücher fördern den Genesungsprozess", ist Irmgard Gerdes überzeugt. Und so steht am Dienstagmorgen Sylvia Schröder im kleinen Büchereiraum im Eingangsbereich und verleiht Bücher an Patienten und Krankenhauspersonal.

Mittwochvormittags schieben Käte Bley und Ursula Barta zwei Bücherwagen durch die Zimmer der acht Stationen. Die Frauen beraten auch gern bei der Bücherwahl. "Liebe zum Buch und zu den Menschen gehört bei dieser ehrenamtlichen Aufgabe unbedingt dazu", sagt Sylvia Schröder. Ebenso wichtig sind Zeit und gute Laune, ergänzt Irmgard Gerdes: "Wir sind so etwas wie eine Zwischenstation für die Patienten. Die Ärzte und Schwestern haben oft keine Zeit, und mit seiner eigenen Familie kann oder will man manchmal nicht so reden. Dafür sind wir dann da." Ursula Barta hat erfahren: "Viele sind einsam und wollen über ihre Krankheit sprechen, da ist das Buch ein guter Anknüpfungspunkt."

"Kostet wenig, bringt aber viel"

Die vier Frauen nehmen sich immer wieder Zeit für längere Gespräche mit den Patienten. Wenn sie einmal nicht weiter wissen, empfehlen sie auch die Krankenhauspastorin Soni Schmidt-Meenen. "Neulich war ein älterer Herr hier, der nach seiner Entlassung ins Pflegeheim sollte. Dem konnte Frau Schmidt-Meenen besser helfen als wir", erinnert sich Käte Bley. Eine "menschliche Klammer" nennt die Pastorin die Damen von der Bücherei und betont: "Das ist ein Serviceangebot, das das Krankenhaus wenig kostet, von dem es aber viel profitiert."

Die Krankenhausbücherei erhält jährlich einen festen Etat vom Kirchenkreis Butjadingen. Von diesem Geld werden neue und aktuelle Bücher gekauft. "Aber es ist eine öffentliche Bücherei, und jeder, der im Krankenhaus liegt oder arbeitet, kann sich Bücher ausleihen, egal welche Konfession", betont Irmgard Gerdes. "Manche sind erstaunt, dass wir nicht nur Bibeln, sondern auch Krimis haben", lacht Käte Bley. Neben Krimis finden sich unter den 685 Büchern auch Romane, Kinder- und Jugendliteratur und Sachbücher. Im vergangenen Jahr wechselten sie 1175 Mal den Leser. Und viele von den Lesern nutzten die Gelegenheit, auch einmal ihr Herz auszuschütten. (bik)

 

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