Abenteuerliche Flucht nie bereut

Vor zehn Jahren fingen Andrea Neumann und Angela Finster in Nordenham ein neues Leben an

(veröffentlicht in der Kreiszeitung Wesermarsch, 2.10.1999)


Nordenham. 3. Oktober, Tag der deutschen Einheit, Tag der Wiedervereinigung. Neuanfang für Millionen von Menschen. Für manche ehemaligen DDR-Bürger begann der Start in ein neues Leben vor zehn Jahren in Nordenham. "Im Sommer 1989 verschwanden immer mehr von meinen Freunden in den Westen", erinnert sich Andrea Neumann. "Als ich einmal zum Friseur wollte, und meine Friseuse war auch schon weg, da wusste ich, jetzt wird es auch Zeit für mich."

Das war am 13. September 1989. Zwei Tage später begann ihre Flucht von Sachsen über Ungarn nach Westdeutschland, die schließlich in Nordenham endete. Gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter Tina, ihrer Freundin Angela Finster und deren zweijähriger Tochter Selina fuhr Andrea Neumann im Lada gen Ungarn. Was folgte, war ein Abenteuertrip, den die beiden jungen Frauen niemandem empfehlen können. Ihren Familien hatten sie nichts gesagt, aus Angst, im letzten Moment an die Polizei verraten zu werden.

Größte Angst vor Wildschweinen

Zunächst passierten sie die Tschecheslowakei. "Zu dem Zeitpunkt konnten wir dort noch ohne Probleme einreisen, eine Woche später war diese Grenze auch dicht." 20 Stunden fuhren sie, bis sie endlich das Niemandsland zwischen Tschecheslowakei und Ungarn erreichten. Sie ließen ihr Auto stehen, packten nur das Nötigste in Rucksäcke und wanderten in der Nacht durch den Wald. "Wir wussten zwar, dass dort patroulliert wird, aber die größte Angst hatte ich vor den Wildschweinen, die hatten gerade Frischlinge und können dann sehr agressiv werden", lacht Andrea Neumann. "Den Kindern hatten wir eingeschärft, keinen Mucks von sich zu geben, und als ob sie es geahnt hätten, waren sie auch völlig still, und das mit zwei und drei Jahren", erinnert sich Angela Finster.

Nach zwei Stunden erreichten sie eine Hütte auf einer Weide, hatten aber keine Ahnung, in welchem Land sie sich befanden "Als wir Hunde sahen, die Kühe hüteten, da wussten wir, dass wir in Ungarn sind, so etwas gibt es nur dort." Eine Sinti-Familie nahm sie für die Nacht auf, gab ihnen erst einmal einen Schnaps zur Beruhigung. "Das waren ganz einfache Leute, deren fünf Kinder in einem Bett schliefen, aber als wir kamen, rückten sie noch enger zusammen. Die waren so gut zu uns", schwärmt Andrea Neumann, "wer Schlechtes über Zigeuner sagt, den kann ich nicht verstehen."

"Servus Spatzl"

Die Familie erzählte den Flüchtlingen, dass einige Tage zuvor ein Tscheche beim Grenzübertritt erschossen worden war. "Wir hatten einen ganz großen Schutzengel", ist sich die heute 34-jährige Angela Finster sicher. Mit dem Taxi fuhren sie in der nächsten Nacht bis Budapest und von dort sofort weiter an die österreichische Grenze. "Da war der Bär los", erinnert sich Andrea Neumann, "alle wollten rüber, einige schwammen sogar durch die Donau." Als ein freiwilliger Helfer ihre kleine Tochter mit "Servus Spatzl" begrüßte, war sie den Tränen nahe.

In der westdeutschen Botschaft in Wien wurde ihnen ein Hotel zugewiesen. "Von dort haben wir erst einmal unseren Arbeitskollegen in Wurzen Postkarten geschickt, richtig fies", weiß die 32-jährige Andrea Neumann noch. Richtige Freude über die gelungene Flucht kam allerdings noch nicht auf. "Wir waren einfach völlig ausgelaugt, wir hatten tagelang nicht geschlafen und waren ständig in Angst."

Sonderzug in den Westen

Per Sonderzug ging es nach Gießen in das völlig überfüllte Übergangslager. "Dort war es grausam", sagt Andrea Neumann, "sieben Stunden standen wir an, um uns anzumelden, und ohne Anmeldung bekam man kein Essen oder Trinken." "Aber wir waren geduldig, es war ja die letzte Schlange unseres Lebens", freut sich ihre Freundin Angela Finster. Der Westen kam ihnen vor wie ein Film, die vielen Eindrücke konnten sie zunächst nicht verarbeiten. "Die Menschen in Wetzlar, wo wir in einem Wohnheim untergebracht wurden, waren sehr nett, haben uns zum Kaffee eingeladen." Ein Bekannter holte sie nach eineinhalb Wochen nach Nordenham. "Da wurden wir von der Stadt persönlich begrüßt, wir waren ja die Ersten aus der DDR hier."

Nach einigen Wochen im damaligen Hotel Imperial fanden die beiden Frauen eigene Wohnungen. "Da habe ich erst richtig begriffen, dass ich jetzt frei bin, nie wieder Ossi", erzählt Andrea Neumann. Bereut haben die beiden Frauen ihre Flucht nicht. "Die Verzweiflung war groß genug, um solch ein Abenteuer zu wagen. Wir würden nie zurück gehen." Sie sind in Nordenham und Rodenkirchen integriert, haben neue Freunde und Familie.

"Automatisches Leben in der DDR"

Andrea Neumann sagt heute: "Ich habe mich nie wohl gefühlt in der DDR, hier ist es besser." Ihre Stasi-Akten haben sie noch nicht eingesehen. "Aber ich stehe überall in den Akten meiner Freunde, die Stasi wusste alles über mich", sagt Andrea Neumann. Gegen die ständige Bevormundung durch den Staat hat sie immer rebelliert. Auch Angela Finster, die sich als unpolitisch bezeichnet, fand das "automatische Leben", zu dem sie in der DDR gezwungen wurde, schrecklich. Materiell sei das Leben in der DDR zwar nicht schlecht gewesen, meint Angela Finster, und ihre Freundin ergänzt: "Aber ideell haben sie uns beschissen." (bik)

 

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