"Im Knast fährst du die Gefühle runter"

Weihnachten hinter Nordenhamer Gefängnismauern - Nicht alle Häftlinge dürfen zu Hause feiern

(veröffentlicht in der Kreiszeitung Wesermarsch, 16.12.1999)


Nordenham. Weihnachten fern von Zuhause feiern - das müssen nicht nur Seeleute, sondern auch Häftlinge. Zum Beispiel etwa 30 Gefangene, die zur Zeit im offenen Strafvollzug in Nordenham einsitzen. Markus Toews und Ronald Daniel sind zwei von ihnen, die am Dienstag in der Kirche Atens einen Adventsgottesdienst feierten.

Vier Monate Haft muss Markus Toews dafür verbüßen, dass er keinen Unterhalt für seinen vierjährigen Sohn gezahlt hat. "Nach der Scheidung habe ich erst einmal nur an mich gedacht, nicht an den Kleinen." Mittlerweile ist der Fernfahrer klüger. "Wenn ich hier wieder raus bin und einen Job habe, dann zahle ich auch, das ist klar."

Haftlockerungen für einige

Die Gefangenen im offenen Vollzug haben nur geringe Haftstrafen oder Reststrafen zu verbüßen, längstens zwei Jahre sind sie hier. Sie werden zunächst beobachtet, bevor ihnen Haftlockerungen zugestanden werden. Zunächst dürfen sie dann für zwölf Stunden am Wochenende raus, später können sie Urlaub nehmen - wenn sie eine Urlaubsadresse hinterlassen können.

Uwe Meyer, Sozialarbeiter und Vollzugsbeamter in der Justizanstalt, weiß: "Einige von unseren Häftlingen wissen gar nicht, wohin sie gehen sollen. Sie haben vielleicht ihre Wohnung verloren, keine Familie, dann dürfen wir sie natürlich nicht über Weihnachten auf die Straße lassen."

"Nicht viel anders als sonst"

Markus Toews muss Weihnachten hinter Gittern bleiben, weil er erst seit einigen Wochen in der JVA einsitzt. Dennoch glaubt der 34-Jährige, dass es nicht viel anders wird als sonst auch: "Zu meinen Eltern habe ich sowieso keinen Kontakt mehr, und zu meiner Ex-Frau auch kaum. Wäre ich draußen, würde ich höchstens meinen Sohn besuchen. Der feiert am Ersten Weihnachtstag Geburtstag."

Ronald Daniels könnte zwar für den Heiligen Abend "frei" bekommen, aber: "Meine Freundin wohnt in Schwerin. Bis ich dort bin, kann ich auch schon wieder zurückfahren. Das lohnt sich nicht." Der 44-Jährige hat zu Unrecht Arbeitslosengeld kassiert und wurde zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Die kann er aber aufgrund eines Rückenleidens nicht leisten, also bekam er 50 Tage Ersatzhaftstrafe, die er nun in Nordenham absitzt.

Feiern nachholen

Weihnachten im Gefängnis macht ihm nicht viel aus: "Hier im Knast fährst du die Gefühle sowieso ganz runter, da lässt du nicht viel an dich heran" Im Gegensatz zu anderen Mithäftlingen will er sich aber nicht beklagen. "Dass ich hier bin, habe ich mir ja selbst eingebrockt." Er freut sich genauso wie Markus Toews auf die Zeit nach der Entlassung: "Dann hole ich die Feiern nach." (bik)

 

Hier geht's zurück zur KZW