"Man muss lernen, dass das Sterben okay ist"

Buchlesung im Bremerhavener Hospiz am Park über die Sterbebegleitung

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 6.11.1998)


Bremerhaven. Als bei ihrem 22jährigen Sohn Peter nach langer Krankheit die Therapie abgesetzt wurde, nahm Anita Lammermann ihn mit nach Hause, damit er dort in Würde sterben konnte. Ihre Erfahrungen mit der Sterbebegleitung will sie nun mit anderen teilen. Deshalb hat Anita Lammermann ein Buch geschrieben, aus dem sie am Dienstag im Hospiz am Park vorlas.

"Peters Abschied - Abschied von Peter" war die zweite Lesung in einer Veranstaltungsreihe, die das Hospiz am Park in der Villa Schocken organisiert. Denn das Hospiz soll nicht nur ein Ort sein, an dem Menschen in Würde sterben können, sondern auch Begegnungsstätte für alle.

Ruhiges Sterben zu Hause ermöglichen

Noch vor wenigen Jahren war ein menschenwürdiges Sterben in einem Hospiz oder in gewohnter Umgebung zu Hause kaum möglich. Mittlerweile hat allerdings ein Umdenken stattgefunden. Anita Lammermann, die im Landkreis Diepholz lebt, berichtete aus eigener Erfahrung, dass nur ein geringer Aufwand nötig sei, um ein angenehmes und ruhiges Sterben zu Hause zu ermöglichen.

Die praktischen Dinge wie Waschen und Umbetten des Schwerkranken könne jeder lernen, ermutigte Anita Lammermann ihr Publikum. Noch wichtiger sei allerdings das Sprechen über den Tod. "Man muss lernen, dass das Sterben okay ist", betonte sie. Es gebe nach der Amerikanerin Elisabeth Kübler-Ross verschiedene Phasen im Umgang mit dem Tod. Diese reichten von der Leugnung über Trotz und Depression bis schließlich zur Annahme.

"Nicht gegen den Willen des Sterbenden"

Diese Phasen gelten allerdings nicht nur für Sterbende, meinte Lammermann. "Auch die Angehörigen müssen sich fragen, ob sie den Tod tatsächlich akzeptieren, oder ob sie nicht vielleicht gegen den Willen des Sterbenden am Leben festhalten." Erst wenn die Angehörigen ihre eigene Angst ablegten, könnten sie auch besser mit dem Sterbenden reden. "Peter hatte so viele Fragen, was man im Sarg anhat und ob alle Leute beten, wenn sie sterben", so Anita Lammermann, deren Sohn unter einer seltenen Tumorerkrankung (Morbus Recklinghausen) litt.

Nachdem alle das Sterben angenommen hatten, seien die letzten Wochen von Peter wunderschön gewesen, berichtete die Mutter. Jeden Tag habe sich eine Gruppe von Bekannten und Verwandten an seinem Bett getroffen. Sie gaben ihm, aber auch der Mutter, das Gefühl, nicht alleine die Last zu tragen. "Als er schließlich starb, hatten wir von ihm Abschied genommen und konnten ihn gehen lassen."

Vorbild sein für andere

Die gut 40 Zuhörer und Zuhörerinnen waren nach dem Vortrag sichtlich beeindruckt, auch von der Stärke Anita Lammermanns. Sie meinte nur: "Ich möchte mit diesem Buch und diesem Vortrag ein Beispiel geben für andere Menschen, denn ich hätte damals manchmal ein Vorbild gebraucht." (bik)

 

Hier geht's zurück zur NZ