"Jeden Morgen freue ich mich"

Zwei Bremerhavenerinnen erleben Glück und Tücken der Existenzgründung

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 4.3.2000)


Bremerhaven. Susanne Koch und Sabine Niecamp haben sich einen Traum erfüllt: Im eigenen Ökoladen wollten sie das durchsetzen, was für sie zu einem ökologisch bewussten Leben gehört. Im vergangenen Oktober haben sich die beiden Frauen mit dem Bioladen in der Friedrichstraße in Geestemünde selbstständig gemacht.

Vorangegangen sind zehn Monate harter Vorbereitungsarbeit: Anfang 1999 erfuhren die beiden Bremerhavenerinnen, dass der bisherige Besitzer das Geschäft schließt. "Der Bioladen lief unter dem ersten Besitzer elf Jahre lang sehr gut, aber der Nachfolger gab nach kurzer Zeit auf", erzählt Sabine Niecamp. Sie schlug der 39-jährigen Susanne Koch ihre Idee vom eigenen Geschäft vor: "Wir hatten sofort die gleichen Vorstellungen und ergänzten uns."

Gute Vorbereitung nötig

Ein Konzept musste her. Anregungen hatten die Frauen genug, jobbten sie beide doch schon jahrelang in verschiedenen Bioläden in Bremerhaven. Fest stand, dass die Verkaufsräume hell sein sollten, übersichtlich sortiert und mit einem breiten Angebot an ökologischen Produkten. Die Werbung sollte über kostenlose Postkarten, Flugblätter und Zeitungen laufen. Und die Buchführung nahm die gelernte Großhandelskauffrau Sabine Niecamp in die Hand.

Mit diesem ersten Konzept gingen sie zur Beratungsstelle "Solidarität mit Arbeitslosen" und zum Arbeitsförderungszentrum. "Dort bekamen wir eine Checkliste, was noch alles zu einem Konzept dazu gehört, welche Fördermöglichkeiten wir hätten, und wie wir mit den Banken verhandeln müssen", erzählt Sabine Niecamp. "Wir mussten unsere Pläne immer wieder überarbeiten, drei Monate haben wir daran gearbeitet. Aber danach hatten wir Klarheit, was wir wirklich wollen", so Susanne Koch.

"Wertvolle Zeit verplempert"

Auch bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft BIS bewarben sich die beiden Frauen für den Starthilfefonds des Senators für Arbeit. Bedingung: ein professionelles Konzept von einem Unternehmensberater. "Aber dann kam eine große Enttäuschung", erzählt die 35-jährige Susanne Niecamp. "Erst nachdem wir den Antrag gestellt hatten, erfuhren wir, dass diese Starthilfe gar nicht für den Lebensmittelbereich zuständig ist." Das hatte ihnen auf den Existenzgründer-Foren niemand gesagt. "Dadurch haben wir wertvolle Zeit verplempert", kritisiert Susanne Koch, "wenn alle Stellen mehr zusammenarbeiten, würden solche Informationen besser fließen."

Schließlich bekamen sie Startgeld über die Deutsche Ausgleichsbank. Zwar sind die Zinsen dort höher als beim Senatsfonds, aber die 50 000 Mark kamen gerade noch rechtzeitig vor der Eröffnung des Ladens. Viel haben die gelernte Bauzeichnerin und die Kauffrau selbst renoviert und dadurch die Kosten gesenkt. Susanne Koch erinnert sich an ein Gespräch bei einer Bank: "Der Berater erzählte uns, dass Existenzgründerinnen meistens sehr scharf kalkulieren, während Männer lieber mehr Geld aufnehmen, um sich gleich den Mercedes zu leisten."

Arbeit zwölf Stunden täglich

Aus dem Urlaub vor der Geschäftseröffnung wurde nichts: Um 22.30 Uhr taten sie den letzten Handstreich, am nächsten Morgen um 8 Uhr kamen die ersten Kunden. Und seitdem stehen die beiden zwölf Stunden täglich im Laden, verkaufen auf 60 Quadratmetern Bio-Brot und Käse, Öko-Fleisch, Getränke und Kosmetika.

Den Schritt in die Selbstständigkeit haben sie nicht bereut. Sabine Niecamp ist überzeugt: "Wir tun etwas Sinnvolles, sowohl für uns als auch für die Umwelt." Und Susanne Koch ergänzt begeistert: "Jeden Morgen, wenn ich den Laden aufschließe, freue ich mich wieder neu." (bik)

 

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