Seemanns Braut ist oft allein

Gemeinsame Zeit ist intensiver, weiß Kapitänsfrau Elisabeth Riesch - Angst um Ehemann bei Stürmen

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 14.3.2000)


Bremerhaven. Elisabeth Riesch ist in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen. Dort gab es nur selten Fisch, und wenn, dann roch er schon stark. Heute lebt sie seit zwölf Jahren in Bremerhaven und genießt den frischen Fisch, den ihr Mann ihr oft mitbringt. Karl-Heinz Riesch ist Hochsee-Kapitän und ist häufig monatelang auf See.

"Viele fragen mich, Mensch, wie hälst du das aus, als Seemannsfrau, aber ich fühle mich gar nicht als etwas Besonderes, ich bin das gar nicht anders gewohnt." Als die 44-Jährige ihren Mann kennenlernte, war bereits klar, dass er sie wegen seines Berufes oft allein lassen wird.

Anschluss bei anderen Seemannsfrauen

Doch die selbstständige Frau hat sich längst daran gewöhnt. Die erste Zeit allerdings war hart: 1988 zog sie nach Bremerhaven, wo ihr Mann mittlerweile sein Kapitänspatent gemacht hatte. Hier kannte sie zunächst niemanden, ihre Familie war weit weg und das erste Kind unterwegs.

Anschluss fand sie bei den anderen Seemannsfrauen, die ähnliche Probleme hatten. "Wenn der Mann weg ist, sind wir ja in gewisser Weise Alleinerziehende, müssen vieles selbst organisieren." Aus dem anfänglichen Kaffetrinken entstand im Laufe der Jahre der Verein "Seemannsfrauen für den Frieden", in dem sich Elisabeth Riesch sehr engagiert.

Seekrank geworden

Früher war ihr Mann nur drei, vier Wochen auf See. Heute landet er auch in England oder Frankreich an, so dass sich eine Reise manchmal auf drei, vier Monate verlängert. Da wächst schon manchmal die Sehnsucht, berichtet die Mutter dreier Kinder: "Aber dann telefonieren wir miteinander, es gibt ja Satellitenverbindungen, oder wir schicken uns Emails, dann geht es schon wieder." Die Zeiten, da Gespräche nur über Radio Norddeich möglich waren, wenn alle zuhören konnten und die Verbindungen schlecht waren, sind vorbei.

Einmal ist sie auch mit ihrem Mann mitgefahren eine schöne Erfahrung, sagt sie heute, auch wenn sie damals sehr seekrank war. "Aber für uns war das fast so, als sei er zuhause." Das sei immer die schönste Zeit, sowohl für sie als auch für die Kinder: Wenn Karl-Heinz Riesch für ein paar Wochen auf Heimurlaub ist. Dann genießen sie es, dass er den ganzen Tag über da ist und Zeit für die Familie hat. "Die gemeinsame Zeit ist zwar kürzer, aber dafür umso intensiver."

Selten gemeinsamer Uralub

Mit einem gemeinsamen Urlaub klappt aber trotzdem nicht oft: Wenn sein Schiff, die Atlantic Peace, noch eine Fangquote abfischen muss, bleibt die Mannschaft länger als erwartet auf See. Vor drei Jahren war Familie Riesch zusammen in Korea, meistens reicht die Zeit aber nur für einen Besuch bei den Großeltern in Süddeutschland. "Größere Sachen sind halt schwierig zu planen."

Angst um ihren Mann hat sie immer, vor allem, wenn Herbststürme sogar um ihr Haus in Wulsdorf brausen. "Dann bete ich darum, dass ihm nichts passiert. Aber das ist nicht in unserer Hand." Und mit der Angst hat sie gelernt umzugehen, genauso wie mit der Sehnsucht.

Alten Zeiten sind vorbei

Aber sie ist froh darüber, dass es ihr nicht mehr geht wie den Seemannsfrauen in alten Zeiten: "Die hörten manchmal jahrelang nichts von ihren Männern. Da konnte es passieren, dass das gemeinsame Kind bereits zwei Jahre alt war, ohne den Vater gesehen zu haben. Nee, das hätte ich nicht ausgehalten."

Anstrengend ist ein Leben als Seemannsfrau zwar, aber sie würde es immer wieder machen, ist Elisabeth Riesch überzeugt: "Man sucht sich den Ehemann ja nicht nach dem Beruf aus." (bik)

 

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