Schuldgefühle und Vorwürfe

Angehörigenbegleitung im Altenheim ist bundesweit einmalig, aber das Projekt läuft im Juli aus

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 27.3.2000)


Bremerhaven. Über Jahre hat Hannelore Sandersfeld ihre alte Mutter in ihrer Wohnung gepflegt, die letzten drei Monate Tag und Nacht, ständig in Sorge um die altersverwirrte Frau. "Aber eines Tages hielt mir der Arzt den Spiegel vor: entweder meine Mutter oder ich! Ich konnte einfach nicht mehr", schildert die 57-Jährige die Situation.

So wie Hannelore Sandersfeld geht es vielen Männern und vor allem Frauen, wenn sie ihre Angehörigen pflegen. "Oft pflegen gerade Töchter ihre Mütter bis zur völligen Erschöpfung zu Hause", weiß Heike Krämer. Sie leitet zusammen mit Elvira Nemeyer seit August 1999 die Angehörigenbegleitung. Als pädagogische Fachkräfte unterstützen sie Menschen, deren pflegebedürftige Angehörige im Lotte-Lemke-Haus der Arbeiterwohlfahrt leben.

"Erst wenn es gar nicht mehr anders geht, geben sie sie ins Heim. Gleichzeitig leiden sie sehr unter Schuldgefühlen", erzählt Heike Krämer. "Die Pflege wird dann zwar abgegeben, aber die emotionale Bindung bleibt."

"Endlich über Gefühle sprechen"

Dieses Gefühl kennt Renate Wiechmann zu gut: Nachdem ihre Mutter nach einem schweren Schlaganfall pflegebedürftig wurde, musste die 53-Jährige sie ins Lotte-Lemke-Haus bringen. "Aber meine Mutter hatte immer gesagt, dass sie auf keine Fall ins Heim wollte. Ich dachte, ich verrate sie." In dieser Situation traf sie Heike Krämer von der Angehörigenbegleitung. Sie half Renate Wiechmann beim Organisatorischen und Rechtlichen, und vor allem konnte sie hier über ihre Gefühle reden.

"Ich hatte zwar schon oft mit meiner Familie gesprochen, aber die geheimsten Gedanken konnte ich nur Frau Krämer gegenüber aussprechen", sagt Renate Wiechmann. "Die weiß, wovon sie spricht, hat mir Mut gemacht, meine Schwächen, aber auch meine Stärken aufgezeigt."

Schuldgefühle, Vorwürfe und Trauer

Viele Angehörige erlebten es als befreiend, weiß auch Elvira Nemeyer, dass endlich mal jemand Zeit für sie hat, danach fragt, wie es ihnen mit der Situation geht. "Zu den eigenen Schuldgefühlen kommen oft noch Vorwürfe der Eltern, die sich abgeschoben fühlen, und Traurigkeit, die eigenen vier Wände verlassen zu müssen." Diese Trauer und Wehmut müsse man den älteren Menschen zugestehen, so Heike Krämer, dann löse sich die Anklage nach einer Weile auf.

Mittlerweile haben sowohl Renate Wiechmann als auch Hannelore Sandersfeld gelernt, dass ihre Mütter im Pflegeheim besser aufgehoben sind als zu Hause. "Das hat mich sehr beruhigt und meine Angst genommen", sagt Hannelore Sandersfeld.

Projekt läuft aus

Elvira Nemeyer und Heike Krämer wissen aus Erfahrung, dass der pflegebedürftige Mensch auch nach dem Heimeinzug die Unterstützung seiner Angehörigen braucht. Doch die brauchen oftmals selbst Unterstützung. Diese Hilfe bietet die Angehörigenbegleitung mit Einzelgesprächen, Angehörigen- und Infoabenden.

Im Juli läuft das vom Arbeitsamt geförderte Projekt aus. Aber die Einrichtung bemüht sich um Verlängerung, denn "für viele Angehörige gar nicht mehr wegzudenken". Bundesweit nimmt die Seestadt mit diesem Projekt eine Vorreiterrolle ein. (bik)

 

Hier geht's zurück zur NZ