Das "Bürgern" war ein Muss

Gertrude Jacob (78) hat fast ihr ganzes Leben in der Seestadt verbracht - Auch im Altersheim aktiv

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 29.3.2000)


Bremerhaven. Wenn Gertrude Jacob an ihre Jugend in Bremerhaven denkt, fällt ihr zuerst das "Bürgern" ein: "Abends zwischen sechs und sieben Uhr trafen sich die junge Leute immer auf der Bürger und flanierten vom Marktplatz bis zur Lloydstraße. Wer da nicht war, verpasste was. Das war ein Muss."

Die heute 78-Jährige hat fast ihr ganzes Leben in der Seestadt verbracht. Geboren wurde sie zwar in Nordenham, sie kam aber mit vier Jahren zu ihren Großeltern. Die hatten ein Haus in der Mittelstraße. Dort hat sie auch bis 1982 gelebt. Nach einer schweren Operation zog sie ins Seniorenheim am Bürgerpark, wo sie sich sehr wohl fühlt.

Viel hat sich verändert

Neben dem "Bürgern" war der sonntägliche Ausflug mit der Straßenbahn nach Speckenbüttel ein besonderes Jugendvergnügen. Dort lockte die Pferderennbahn. Auch die Riesenschaukel in Friedrichshoh war allen Bremerhavenern bekannt. "Das Schönste war aber der Spaziergang über den Weserdeich", erinnert sich Gertrude Jacob, "das wird ja nun mit dem Ocean-Park auch alles anders."

Überhaupt hat sich viel verändert in den Jahren, stellt sie fest. Die Lloydstraße habe ihren Glanz verloren, die Kinder heute erlebten keinen richtigen Winter mehr, und das Leben sei viel hektischer geworden. Aber ihrer Stadt ist sie immer treu geblieben.

Feuersturm überlebt

Verlobt war sie einst mit ihrem Tanzstundenpartner, aber der kehrte nicht aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. "Mit 17 hat man noch Träume, aber dann kam alles anders." Überhaupt hat der Krieg große Wunden geschlagen. Ihren Bruder hat sie verloren, ihr Haus wurde zerstört. "Eines Abends hörten wir im Radio: Großes Kampfgeschwader über Roter Sand, größte Gefahr, und kurz darauf fielen auch schon die Bomben auf Bremerhaven." Nach der Bombennacht lag die gesamte Innenstadt in Schutt und Asche. Die erste Nacht verbrachten sie und ihre Großmutter trotz des Feuersturms unter freiem Himmel am Unionsplatz.

Nach dem Krieg ließ sie das Haus wieder aufbauen und heiratete 1954 ihren Mann, der bei Lloyd arbeitete. "Wir hatten Verwandte in Florida, die uns in der harten Zeit mit Paketen versorgten." Von ihnen bekam sie auch ihren ersten Badeanzug - in rot, ihrer Lieblingsfarbe. Damit ging sie im Weserbad schwimmen: "Nach dem Baden hatte man immer einen richtigen Bart, so dreckig war die Weser, aber dann duschte man eben hinterher."

Königsroter Käfer

Viele Freundinnen arbeiteten in Weddewarden bei den Amerikanern, aber Gertrude Jacob war bereits seit 1940 Sekretärin bei der Handelskammer. 1960 ging sie zu der Hanseatischen Hochseefischerei. "Ich hatte einen königsroten Käfer, mit dem ich zur Arbeit fuhr", erzählt die 78-Jährige. "Wenn auf dem Hinweg die Doppelschleuse geöffnet war, habe ich erst einmal in Ruhe die Zeitung gelesen."

Sie war gern Vorzimmerdame, schrieb Steno und Maschine und gewann sogar Wettbewerbe. Noch heute ist sie Schriftführerin beim Heimbeirat. Auch ansonsten ist sie noch sehr aktiv - soweit das ihre halbseitige Lähmung zulässt: "Es nützt ja niemandem, wenn ich in der Ecke sitze und weine." Lieber unterhält sie ihre Mitbewohner mit Gedichten, die sie von ihrem Großvater gelernt hat. Wenn die Glocken der Großen Kirche ertönten, sprach er zu ihr: "Christusglocke heiß ich, zwei gute Häfen weiß ich, einen hernieden, ihr Schiffer, für euch, einen für alle im Himmelreich." (bik)

 

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