Tippeln, schallern und zünftig klatschen

Reisende Gesellen selten geworden - Erfahrungen wertvoller Schatz

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 6.5.2000)


Bremerhaven. "Meine Wanderjahre waren die besten Jahre," ist Erwin Wilkens überzeugt. Der Maurer hat drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft verbracht. Das war kurz nach dem Krieg. Die weiße Kluft zieht er nur noch selten an, dann aber voller Stolz. Die Erfahrungen, die er auf der Walz gemacht hat, sind sein Schatz.

Damals, 1949, war es für einen deutschen Gesellen schwer, durch die Welt zu reisen. "Die Schweiz war das erste Land, das sich für Deutsche wieder öffnete, also zog ich über den Schwarzwald in die Berge." Immer wieder legten er und seine mitreisenden Gesellen Pausen ein, arbeiteten mal hier, reisten mal dorthin. "Länger als ein Vierteljahr hielt es niemanden an einem Ort, dann juckte es schon wieder." 1952 beschlossen sie, zur Sommerolympiade nach Finnland zu reisen. "Aber bis wir endlich die Visa hatten und in Kiel ankamen,da waren die Spiele schon fast vorbei." Stattdessen ging es nach Schweden.

Viel Tradition in Kluft un Ritualen

Reisen ist ein Teil der Faszination für Erwin Wilkens. "Vor allem aber lerne ich die Menschen auf der Arbeit viel besser kennen." Wenn ein reisender Geselle in einem fremden Ort ankommt und Arbeit sucht, informiert er sich zunächst in der Herberge. Dort kann er meist auch übernachten. Dann spricht er bei einem Meister um Arbeit oder finanzielle Unterstützung vor, mit festgelegten Sprüchen. Überhaupt steckt noch viel Tradition im zünftigen Reisen. Das beginnt mit der Kluft: Maurer sind an der weißen oder silbergrauen Kordschlaghose, Weste und schwarzen Krawatte, Ehrbarkeit genannt, zu erkennen. Der schwarze Hut gehört dazu, ebenso die saubere Staude, ein kragenloses Hemd, der Knotenstock oder Stenz und das Wanderpäckchen mit Werkzeug und Kleidung. Und bei Richtfesten wird geschallert und geklatscht, es werden Lieder gesungen und Klatschspiele gesungen.

Vermittelt wurden diese uralten Riten, die zurückreichen bis ins 12. Jahrhundert, in der Herbergssälen der Zunft. Auch in Bremerhaven hat sich eine Gesellschaft der rechtschaffenden fremden Maurer und Steinhauer gegründet, anno 1860. Mittlerweile gibt es aber nur noch Erwin Wilkens und vier andere Gesellen. Wilkens bewahrt die alte Fahne und das Herbergsschild in seinem Keller auf. Im Gegensatz zum bundesweiten Aufwärtstrend gibt es in Bremerhaven keinen Nachwuchs bei den Bauhandwerkern. "Ich verstehe nicht, warum die jungen Leute keinen Mut mehr haben", wundert sich der 70-Jährige. "Wenn ich nicht mehr bin, stirbt mit mir die alte Zunft in Bremerhaven." (bik)

 

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