"Wir sind wie eine große Familie"

Unsicherheit um Zukunft des Evangelischen Sozialzentrums Mitarbeiter und Bewohner fühlen sich allein gelassen

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 16.6.2000)


Bremerhaven. "Wenn das Sozialzentrum dicht macht, werden bald Zustände in Grünhöfe sein wie vor 25 Jahren", ist sich Margot Schunke sicher. Die Bewohnerin des Vogelviertels befürchtet Schlimmes, wenn das Evangelische Sozialzentrum in der Finkenstraße schließt, weil es von der Kirche kein Geld mehr gibt.

Hintergrund der Befürchtungen ist die Ankündigung der Landeskirche Hannover, seit Anfang des Jahres Träger der Einrichtung, die Dienste des Sozialzentrums nicht mehr im bisherigen Umfang zu finanzieren. Die Kosten werden ab 2001 nur noch zu 75 Prozent übernommen. Dieser Betrag soll in den folgenden Jahren weiter gekürzt werden. Rund 650 000 Mark soll das Sozialzentrum bereits im kommenden Jahr weniger zur Verfügung haben.

Jugendamt zahlt nicht für Hort

Ob dann noch alle Leistungen angeboten werden können, ist fraglich. Der Kindergarten soll zwar nach bisherigen Aussagen der Landeskirche erhalten bleiben. Doch auch hier werden die Zuschüsse von bisher 46 bis 48 Prozent der Gesamtkosten auf 30 Prozent zum Beginn des neuen Kindergartenjahres gekürzt.

In den kommenden Jahren sinkt der Zuschuss weiter auf 15 Prozent, die Stadt soll den Rest ausgleichen. Das bedeutet, dass die Eltern den üblichen städtischen Kostensatz bezahlen müssen.

"Mit der Erziehung überfordert"

"Das können viele Eltern nicht", weiß Elvira Klüver, Erzieherin im Kindergarten. Und was für sie noch schwerer wiegt: "Für den Kindergarten kriegen sie zwar einen Zuschuss vom Jugendamt, aber doch nicht für den Hort. Wenn sie arbeitslos und zu Hause sind, wird kein Hort bezahlt." Viele Eltern seien aber mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Da sei es gut, dass die Kinder am Nachmittag ins Sozialzentrum gehen können.

Den sieben Mitarbeitern des Sozialzentrums und den Bewohnern geht es aber auch nicht nur um den Kindergarten. "Wir schauen immer die ganze Familie an, nicht nur die Kindergartenkinder", sagt die Sozialarbeiterin Ursula Pape. "Dieses einheitliche Konzept, vom Kindergarten über den Hort bis hin zu Jugend- und Familienbetreuung, ist einzigartig, und das geht mit den Kürzungen nicht mehr."

Schlichter und Verwalter

Sie und ihr Kollege Wilfried Altenau kümmern sich um alles, was ihnen von den rund 2500 Bewohnern des Vogelviertels in Grünhöfe anvertraut wird: "Das geht morgens schon los, dass die ersten auf mich im Büro warten, weil sie Probleme mit den Ämtern haben", erklärt Altenau, der seit 1977 im Sozialzentrum arbeitet. "Oder eine Schule ruft an, weil ein Schüler auffällig geworden ist. Ein anderer will wissen, wie sich der Sozialhilfebescheid zusammensetzt."

Bei Streitigkeiten greifen sie als Schlichter ein. Für einige Familien verwalten sie auch die Finanzen. "Wenn Wilfried und Ursula das nicht mehr machen, werden die ersten ganz schnell obdachlos, weil sie es nicht alleine schaffen", ist Margot Schunke überzeugt.

Jugendliche von der Straße kriegen

Auch für die Heranwachsenden im Viertel haben die Mitarbeiter ein Herz und ein offenes Ohr: Nachmittags treffen sich die Schulkinder für die Hausaufgabenhilfe, zum Kochen oder Werken in den Räumen des Kindergartens. Die Jugendlichen kickern, gehen gemeinsam mit den Sozialarbeitern zum Täter-Opfer-Ausgleich oder kommen zum "Abhängen".

Das sei besser als auf der Straße herum zu stehen, sind sich die Sozialarbeiter sicher. Gemeinsam mit dem Arbeitsamt bieten sie ihnen auch Grundbildungslehrgänge an, oder üben, Bewerbungen zu schreiben. "Wir sind immer für alle und alles ansprechbar", sagt Ursula Pape. "Und keiner hat das Gefühl, er ist nur eine Akte", bestätigt Margot Schunke, "hier haben wir Vertrauen."

Keine Informationen über Kürzungen

Diese Arbeit, die in mehr als 25 Jahren aufgebaut wurde, steht nun auf dem Spiel. "In das neue Dienstleistungszentrum, das an der Feldstraße eröffnet, werden die Leute nicht gehen", ist sich Altenau sicher. Vor allem sind die Mitarbeiter und Bewohner sauer über die fehlenden Informationen über die anstehenden Kürzungen. "Wir wissen nur, dass wir sparen müssen, aber nicht, wie das Ganze dann hier weitergehen soll."

Sie haben das Gefühl, ruhig gestellt zu werden von ihrem Dienstherren, Superintendent Ernst-Michael Ratschow. "Er vertröstet uns weiterhin, dass noch alles unklar sei und er uns nichts Näheres sagen könnte", sagt Elvira Klüver. Ratschow war in den vergangenen Tagen für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Planungen sind schwer

Angesichts der momentanen Situation ist es für die Erzieher schwer, das neue Kindergartenjahr zu planen. Und die Bewohner fürchten, dass es spätestens zum Ende des Jahres kein Sozialzentrum mehr gibt. Sie erwarten, dass sie endlich aufgeklärt werden, wie es weitergehen soll, und dass neue Lösungen gefunden werden.

Zum Beispiel durch neue Geldgeber: Wenn die Kirche sich aus dem Sozialzentrum herauszieht, müsse die Stadt einspringen, fordern die Bewohner. "Die Wohnungsbaugesellschaften sollten auch ein Interesse daran haben, denn ohne Sozialzentrum haben sie wieder viel Ärger und Mieterwechsel in Grünhöfe", ahnt Irmgard Kristall, die seit mehr als 30 Jahren hier wohnt und sich wohl fühlt.

"Familie wird auseinander gerissen"

"Das ist eine große Familie hier, trotz der ganzen Probleme. Die wird auseinander gerissen, wenn es das Sozialzentrum als Anlaufstelle nicht mehr gibt." Und wie es dann im Viertel zugeht, mögen sie und Margot Schunke sich nicht vorstellen. (bik)

 

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