Historische Orgel verbindet die Nationen

Wettbewerb: In Cappel fällt Vorentscheidung

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 31.8.2000)


Cappel. Ungewöhnlich viele Ortsfremde sind in diesen Tagen im kleinen Cappel. Kein Wunder, steht doch dort eine der seltenen Arp-Schnittger-Orgeln. Doch verwunderlich ist das Durchschnittsalter der meisten Besucher: Zwischen 21 und 32 Jahre alt sind sie und kommen aus aller Welt, die 38 Teilnehmer des Arp-Schnittger-Orgelwettbewerbes des NDR.

Neben Ruhm und Ehre lockt der mit 30.000 Mark dotierte Musikpreis und weitere Sonderpreise. Doch auch ohne diese Preise sei es einfach wunderbar, an dieser herrlichen Orgel zu spielen, sagt Noriko Tomioka. Die 31-jährige Japanerin studiert seit sechs Jahren im niederländischen Haarlem Klavier, Orgel und Kirchenmusik. "In Japan gibt es einige große Orgeln, die von Deutschen erbaut wurden." In Tokio gebe es sogar regelmäßige Mittagskonzerte, und die acht Prozent Christen in Japan pflegten auch die abendländische Kirchenmusik. Aber eigentlich sei es egal, wo die Orgel gespielt werde: "Die Musiker sind auf der ganzen Welt ähnliche Typen."

Orgelkarriere ist oft Zufall

Wie kommen Menschen mit Mitte zwanzig dazu, Orgel zu spielen? "Das ist oft Zufall: Erst spielt man Klavier und singt im Kirchenchor, bis der Pastor fragt, ob man nicht mal eine Messe auf der Orgel spielen könnte, dann bleibt man dabei", fasst Erzèbet Windhagen-Geréd einen typischen Werdegang zusammen. Die Rumänin hat in Wien studiert, wo vier weitere Teilnehmer leben. Zum Beispiel die Italienerin Silva Manfré-Seitlinger, die an der Orgel vor allem die Vielfalt der Klänge mag. "Orgelspielen ist viel schöner als Klavierspielen, da werde ich vom Klang mitgetragen."

Aber auch anstrengend sei es, erzählt Mario Hospach-Martini, der vom Bodensee angereist ist: "Du musst gleichzeitig Hände und Füße bewegen, spielen und auf den Raum um dich herum achten." Eine historische Orgel wie die in Cappel sei noch eine besondere Herausforderung, denn die Dimensionen seien ganz anders als bei den modernen Instrumenten, die Pedalen und Tastaturen kleiner. "Wir haben zu wenig Zeit, uns an die Orgel zu gewöhnen", kritisieren einige Teilnehmer. Eine Stunde dürfen sie üben, dann müssen sie ihr Können beweisen.

Gute Stimmung unter den Teilnehmern

Die wenigsten haben bereits so viel Erfahrungen auf historischen Orgeln sammeln können wie Pavel Czerny. Der Tscheche schwärmt von dem großen Schatz an böhmischen Orgeln, die es in seiner Heimat gibt. "Viele sind allerdings in schlechtem Zustand, weil das Geld fehlt."

Doch trotz der schweren Bedingungen herrscht gute Stimmung unter den Teilnehmern. Das hat auch Timothy Olsen festgestellt. "In Amerika sind die Wettbewerbe viel aggressiver", sagt der 28-Jährige aus Rochester, New York. Für ihn ist es bereits ein Gewinn, in Cappel spielen zu können. "Als Amerikaner auf diesem Gebiet in Europa wahrgenommen zu werden, ist schon was. Wenn ich dann noch unter die ersten drei käme, wäre das einfach wunderbar."

Gesamteindruck zählt

Timothy hat seinen Wettbewerbsbeitrag schon hinter sich. Zwei Bach-Werke standen auf seinem Programm, ein weiteres, "Bergamasco" von Girolamo Frescobaldi, ist Pflicht für alle Teilnehmer. Während des Spiels sitzen die Juroren Jürgen Essl, Jean-Claude Zehnder und Wolfgang Zerer im Altarraum und machen sich eifrig Notizen. "Wir haben kein strenges Punktsystem für den technischen Umgang mit dem Instrument, die Sauberkeit des Spiels oder das Tempo", erklärt Zerer. Vielmehr werde der Gesamteindruck bewertet.

Am Donnerstag Mittag stehen die Sieger der ersten Runde fest: Bis zu 15 Organisten können an der zweiten Runde in Lübeck teilnehmen, die am Sonnabend, 2., und Sonntag, 3. September stattfindet. Das Finale folgt dann am Dienstag, 5. September, in Hamburg und wird live von Radio 3, der Klassikwelle des NDR, übertragen. Ob Timothy, Noriko, Pavel, Erzèbet, Silva oder Mario darunter sein werden, wird sich zeigen. Timothy jedenfalls bleibt bis zum Schluss dabei: "Ob ich spiele oder nur zuhöre, meinen Rückflug geht erst in zwei Wochen." (bik)

 

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