Rocky mit Hühnerbrust im Trikot

Premiere des Kult-Musical gelungen

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 5.9.2000)


Bremen. Schon bevor sich der Vorhang hob, war das Premierenpublikum im Bremer Ernst-Waldau-Theater begeistert: Da wurden die ersten Zeitungshüte gefaltet und die kleinen Taschenlampen ausprobiert, um dann im richtigen Moment vorbereitet zu sein – Mitmachen gehört bei der "Rocky Horror Show" nun einmal dazu, wenn die "Transsilvanier" um Hans Neblung die Erde überfallen.

Ein junges Paar, Brad (Martin Niedermair) und Janet (hervorragend: Kaatje Dierks), geraten wegen einer Autopanne in ein Schloss, auf dem unheimliche Dinge vor sich gehen: Der Herr des Hauses, Frank-n-Furter (großartig: Hans Neblung), enthüllt seine künstlich geschaffene Kreatur, Rocky (Licio Mariani), verführt Brad und Janet und wird am Ende von Riff Raff (Martin Kemner) und Magenta (Carola Thierheimer) getötet, die zu ihrem Heimatplaneten, Transsexual in der Galaxie Transsylvanien, entschwinden.

Kiecksend und kraftvoll zugleich

Die Geschichte von Richard O’Brien, 1973 in London uraufgeführt, wurde seitdem in zahlreichen Bühnenversionen interpretiert und avancierte zum Kultfilm. Und sicherlich gab es bereits innovativere und aufsehenerregendere Bühnenbilder, Kostüme und Masken als in Bremen von Andreas Mathes, Irmgard Langer und Norbert Suppan kreiert. Doch ein Musical lebt hauptsächlich von Tanz und Gesang, und diese Aspekte lassen kaum zu wünschen übrig:

Die Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit hat aus den 13 Musical-erfahrenen Tänzern und Sängern eine gut aufeinander eingespielte Truppe geschmiedet, die Außergewöhnliches auf Englisch und Deutsch darbieten: Die Rock-Röhre von Carola Thierheimer zum Beispiel, die selbst während eines Überschlages nicht ins Stocken gerät, die teils kiecksende, teils kraftvolle Stimme von Kaatje Dierks, die auch schauspielerisch überzeugt, und nicht zuletzt die manchmal arrogant-näselnde, dann wieder schmelzende Stimme Hans Neblungs, die zu seinem jeweils tänzelnden oder herrischen Auftreten passt.

Perfekte Choreographie

Auch die Choreographie, die im Vergleich zur Bremerhavener Aufführung stärker betont wird, ist perfekt einstudiert: Wilder Rock’n’Roll, als Eddie (Dominik Orth) das "Labor" des Frank-n-Furter stürmt, eine Mischung aus Can Can und Orgie in Strapsen vor geschlossenen Vorhängen, nachdem Brad, Janet und Dr. Scott hinter das Geheimnis von Frank-n-Furter gekommen sind, und auch der bekannte Time Warp ("Put your hands to your hips") kommt mit ganz neuen Schritten daher. Sehr rockig und manchmal eigenwillig unterstützt die Band um Peter Stolle und Lars Hierath das Geschehen auf der Bühne.

Nicht perfekt ist die Besetzung des Dr. Scott: Dominik Orth hat einige Schwierigkeiten, bei verstellter Stimme die tiefen Tonlagen seines Parts zu treffen – und auch schauspielerisch wirkt er sehr steif, was nur bedingt an dem Rollstuhl liegt, in dem der Professor sitzt. Licio Mariani als eher hühnerbrüstiger Rocky im goldenen Ringertrikot dagegen wirkt augenzwinkernd-ironisch, wenn sein Meister Frank-n-Furter mit den (nicht vorhandenen) Muskeln spielt.

Bettszenen als Schattenspiel

Eng am Original von 1973 bleibt die Bremer Aufführung bei den prüde als Schattenspiel angedeuteten Bettszenen zwischen Janet, Brad, Rocky und Frank-n-Furter. Doch keiner geht heute wohl ins Theater, um wilden Sex zu sehen, und so hatte diese Szene seinen besonderen Reiz.

Durch die Nähe zur Originalinszenierung bekommt eine Rolle einen besonderen Glanz: Martin Niedermair kann als Brad im selten aufgeführten Solo "Once in a while" beweisen, dass auch er eine ausdrucksvolle Stimme hat. Mit einer Mischung aus Blues, Latino-Rhythmen und Sinatra-Parodie tritt er aus dem Schatten der entzückenden Kaatje Dierks heraus. (bik)

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