Vom Pornoladen zum City Port

Countdown für neue Spielzeit läuft: Stadttheater bereitet sechs Premieren gleichzeitig vor

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 14.9.2000)


Bremerhaven. Ein Blick in den großen Theatersaal zeigt, wie viel noch zu tun ist im Stadttheater: Im Zuschauerraum sind alle Stühle ausgebaut, ein Gerüst ragt empor, die Decke wird saniert. Der Orchestergraben ist bereits um eine Meter breiter, der Estrich trocken. In drei Monaten soll die erste Aufführung im sanierten Theater stattfinden: "Attila" (Premiere: 25. Dezember).

Bis es soweit ist, müssen die Gerüste für das Bühnenbild noch angefertigt werden. "Damit fangen wir demnächst an", sagt Harald Müller, Maschinenmeister in der Schlosserei im Anbau an der Linzer Straße. Die Aufbauten für "Candide", "Dreigroschenoper" und die anderen Produktionen, die in den kommenden Wochen starten, dagegen stehen. Müller und seine Mitarbeiter arbeiten in der Zwischenzeit an Kleiderständern für die Schneiderei, die gerade ihre neuen Räume bezogen hat. Dort nähen und bügeln 20 Schneider die Kostüme für sechs verschiedene Stücke. Gewandmeisterin Ursel Strauch muss den Überblick behalten: "Bei manchen Aufführungen braucht allein der Chor jeweils fünf Kostüme."

Modell für den Überblick

Vor der Schneiderei unter dem Dach ist bereits Musik zu hören: Knapp 40 Musiker stimmen ihre Instrumente im Probesaal, der noch frisch nach Holz riecht. Dann Stille, der Maestro, Hartmut Brüsch, kündigt einige Änderungen am Arrangement an und hebt den Taktstock zu einem Walzer aus der Operettenshow "Nie gehört - Unerhört" (Premiere: 30. September).

Währenddessen näht Dekorateur Günter Rösner im Malersaal einen riesigen Vorhang aus blauem Lackstoff, der später im Ballett "www.bach.de" (Premiere: 23. September) zu sehen ist. In der Ecke steht ein kleines Modell des Bühnenbildes für "Was ihr wollt" (Premiere: 21. April 2001), davor trocknen einige frisch gestrichenen Holzrahmen. "Erst kommt das Modell, damit wir den groben Überblick haben", erläutert Rösner. "Danach werden die Einzelteile in der Tischlerei gefertigt und hier schließlich angemalt."

Euro-Paletten für Brecht

In der Tischlerei werden Euro-Paletten abtransportiert: "Die sind für die Dreigroschenoper", sagt Tischlermeister Holger von Glahn. "Grillparzer ist schon fertig, und für Candide fehlt auch nicht mehr viel."

Für "Grillparzer im Pornoladen" (Premiere: 30. September) wird nebenan im Kleinen Haus geprobt. Ein Mann und eine Frau stehen auf der Bühne und schwingen Lederpeitschen. Gastregisseurin Gudrun Orsky gibt aus dem Zuschauerraum heraus Anweisungen.

Zur gleichen Zeit verschnaufen andere Darsteller im City Port. Zweieinhalb Stunden Gesangsübungen liegen hinter ihnen, damit die Songs der "Dreigroschenoper" (Premiere: 7. Oktober) sitzen. Regisseur Wolfgang Hofmann hat sich an die ungewöhnliche Umgebung mit den stabilen Hochregalen bereits gewöhnt: "Das Ambiente passt zu Brecht."

Manöverkritik nach den Proben

Sechs verschiedene Stücke werden an diesem Tag geprobt, an sechs verschiedenen Spielstätten. Gunther Volz, Leiter des künstlerischen Betriebsbüros, koordiniert die geordnete Betriebsamkeit. Er verteilt Probenpläne, legt Premierentermine fest und muss Ersatz finden, wenn ein Sänger oder Schauspieler ausfällt. Wenn wieder alle Sparten in einem Haus vereint sind, wird der Raum knapper: Dann müssen sich Ensemble und Orchester vier Bühnen und drei Übungssäle teilen.

Bislang hat das Stadttheater aber in der Carl-Schurz-Kaserne Ausweichspielstätten. Dort proben die Tänzer um Ballettmeister Jörg Mannes Schrittfolgen für "www.bach.de", während sich nebenan vor der Hauptbühne Chor und Solisten versammelt haben: Eine der letzten Proben für "Candide" (Premiere: 16. September) ist abgeschlossen, Regisseur Alexander Herrmann übt Manöverkritik.

Rokoko-Perücken aus Büffelhaar

Auch die Maskenbildner in ihren Räumen über dem Theatersaal arbeiten an den letzten Haarteilen für das Eröffnungsstück der neuen Saison: 40 Perücken aus Büffelhaar müssen Raimond Otterbein-Bruhn und seine Mitarbeiter neu knüpfen oder umgestalten, damit am Sonnabend alle "Candide"-Protagonisten ihre rosa gefärbte Rokoko-Frisur tragen können. Und auf den Holzköpfen in den Regalen warten etliche weitere Perücken - für all die anderen neuen Stücke in dieser Spielzeit. (bik)

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